Böhmermanns Varoufuckis ist außer Kontrolle geraten

Produktionsfirma fordert Beweise von Jan Böhmermann

Böhmermanns Varoufuckis ist außer Kontrolle geraten

Zu viele Volksvertreter spielen mit der Erregung der Massen, anstatt wirklich wichtige Themen anzupacken. Griechenland ist ein Paradebeispiel: Wochenlang lassen sich Nachrichtensprecher, Zeitungskommentatoren, Politiker über den krawattenlosen Premier Alexis Tsipras und Hemd-aus-der-Hose-Minister Varoufakis aus – anstatt sich viel ernsthafter damit auseinanderzusetzen, wie deren Regierung ein Land, in dem die Wirtschaftsleistung eingebrochen ist und die Massen verarmt sind, aus einer katastrophalen Krise führen will. Sebastian Heinrich – Mittelbayerische Zeitung

Günther Jauch Yanis Vaoufakis

In einem am Mittwochabend veröffentlichten TV-Beitrag behauptet Moderator Jan Böhmermann, das Video, in dem Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis mit gestrecktem Mittelfinger zu sehen ist, sei von seiner Redaktion gefälscht und über das Internet verbreitet worden.

Die für die Sendung GÜNTHER JAUCH zuständige Produktionsfirma i & u TV fordert Böhmermann und das ZDF nun auf, Beweise für diese Behauptung zu liefern und geht davon aus, dass diese in kürzester Zeit vorgelegt werden. Sie kann in Böhmermanns Beitrag keinerlei Belege für die Fälschungs-Behauptung entdecken und hält an der Einschätzung verschiedener Experten fest, die das Video als authentisch einstufen.

Nach Einschätzung mehrere Analysten, die das Video in den vergangenen Tagen geprüft hatten, enthält der am Sonntagabend in der Sendung GÜNTHER JAUCH gezeigte Videoausschnitt keine Hinweise auf eine Manipulation oder Fälschung. Zu diesem Ergebnis kamen unter anderem Thomas Gloe, Geschäftsführer von „Dence, Fälschungserkennung bei digitalen Bildern, Videos und Audio“, die Netzanalysten von „storyful“ sowie der Video-Analyst „Conflict Reporter“.

Auch Varoufakis selbst hatte in der Nacht von Montag auf Dienstag den Link auf das Video über seinen Twitter-Kanal verbreitet. Bei dem Link handelte es sich um dasselbe Video, das die Redaktion von GÜNTHER JAUCH für den Einspielfilm verwendet hatte und in dem Varoufakis den gestreckten Mittelfinger zeigt. Simone Bartsch

Ein Gag, ein ziemlich guter sogar, ist außer Kontrolle geraten. Schließlich musste das öffentlich-rechtliche ZDF die Notbremse ziehen. Die Sache war aus dem Ruder gelaufen und bedrohte das höchste Gut im digitalen Zeitalter: die Glaubwürdigkeit eines Mediums.

Schlechter Journalismus lieferte den Anlass: Günter Jauch wollte in seiner Talkshow in der ebenfalls öffentlich-rechtlichen ARD den eloquenten wie umstrittenen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis mit einem Video bloßstellen, in welchem dieser Deutschland den Mittelfinger zeigte. Varoufakis dementierte live die Echtheit des Videos, twitterte später jedoch eine Version des Mitschnitts, welche die pubertäre Geste enthielt. In den Sozialen Medien hob daraufhin eine Debatte über die Authentizität des Videos an. Schließlich krönte Jan Böhmermann, der neue Chefsatiriker des ZDF, die Erregung mit der Behauptung, das angeblich gefälschte Varoufakis-Video gefälscht zu haben.

Das Verwirrspiel war perfekt

Böhmermann ist das Kunststück gelungen, in einem Aufwaschen den Alibi-Journalismus der TV-Talkshows ebenso lächerlich zu machen wie die empörungsgetriebene Berichterstattung der Online-Medien. Dass er damit perfekte PR-Arbeit für seine eigene Satireshow auf einem Nischensender des ZDF gemacht hat, versteht sich von selbst. Den Senderverantwortlichen wurde der virale Verwirrerfolg ihres neuen Stars im Laufe des Donnerstags allerdings unheimlich: Künftig will man Satire auch als solche kennzeichnen, um Verwechslungen mit dem seriösen Programm zu vermeiden.

Anders formuliert: Es besteht Anlass zur Befürchtung, dass die Menschen bei der Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion beim Konsum von Nachrichten Hilfe gebrauchen könnten. Betrachtet man das einmal losgelöst vom allgegenwärtigen Ironieverdacht, so kommt das einer kapitalen Bruchlandung der selbsternannten vierten Macht gleich, die den Anspruch erhebt, die Mächtigen zu kontrollieren und die Bürger aufzuklären und zu informieren.

Der Verdacht, dass sich die Medienmaschinerie ihre eigene Wirklichkeit zusammenzimmert, ist beileibe nicht neu. Neu ist nur, mit welcher Entschlossenheit eine ganze Branche bereit ist, diese Idee konsequent zu Ende zu denken. Böhmermann, selbst Produkt dieses Systems, hat das mit großer Eleganz offengelegt. Wiener Zeitung – Leitartikel von Walter Hämmerle: „Die Spaßmacher“

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