DIW-Chef Fratzscher: Armutsrisiko ist trotz Wirtschaftsboom gestiegen

Aktueller iff-Überschuldungsreport zeigt, viele Überschuldete geben mehr als die Hälfte fürs Wohnen aus

DIW-Chef Fratzscher: Armutsrisiko ist trotz Wirtschaftsboom gestiegen

Vom jahrelangen wirtschaftlichen Boom profitieren weite Teile der Bevölkerung gar nicht. „Jeder fünfte Beschäftigte arbeitet im Niedriglohnsektor“, sagte der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, dem „Tagesspiegel“.

Paritätischer fordert #Reformpaket gegen #Altersarmut

Die nach einer aktuellen Studie der Beratungsgesellschaft EY enorm gestiegene Angst der Deutschen, im Alter zu verarmen, sei mehr als begründet, betont der Paritätische Gesamtverband mit Verweis auf seinen aktuellen Armutsbericht. Um Altersarmut wirksam zu bekämpfen, fordert der Verband ein umfassendes Maßnahmenpaket: Von einer Anhebung des Rentenniveaus auf 53 Prozent bis zur Erhöhung der Regelsätze in der Altersgrundsicherung von 424 Euro auf 628 Euro.

Nach dem Paritätischen Armutsbericht sind ein Viertel der erwachsenen Armen in Deutschland in Rente oder Pension. Damit stellen Rentner*innen und Pensionär*innen derzeit hinter den Erwerbstätigen die zweitgrößte Gruppe in dieser Population. Nach Einschätzung des Paritätischen werde die Altersarmut geradezu zwangsläufig weiter zunehmen, wenn nicht umgehend politisch gegengesteuert wird. „In den nächsten Jahren werden viele Langzeitarbeitslose und Menschen aus dem Niedriglohnsektor ins Rentenalter kommen. Für viele von ihnen ist der Weg in die Altersarmut vorprogrammiert“, warnt Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands. „Politik und vermeintliche Experten haben das Thema nicht ernst genommen oder in unverantwortlicher Weise schön geredet. Angesichts der vorliegenden Daten gibt es keinerlei Entschuldigung mehr für ein Nichtstun oder für Unzulänglichkeiten in der Bekämpfung von Armut im Alter und bei Erwerbstätigen“, so Schneider.

Die aktuellen Neuregelungen bei den Erwerbsminderungsrenten und der so genannten Mütterrente stellten zwar Verbesserungen dar, reichen aber aus Sicht des Verbandes bei weitem nicht aus, um dem Problem gerecht zu werden und Altersarmut wirksam zu vermeiden. Eine erfolgreiche Gesamtstrategie müsse bereits im Erwerbsleben ansetzen und insbesondere die gesetzliche Rentenversicherung stärken, fordert der Paritätische. Im Detail reichen die Forderungen des Verbandes von einer deutlichen Erhöhung des Mindestlohns auf 12,63 Euro über die Streichung der Riester-Unterstützung bis zur Anhebung des Rentenniveaus auf 53 Prozent und eine umfassende Reform der Altersgrundsicherung.¹

Wohnkostenexplosion in Ballungszentren trifft Überschuldete besonders hart

Ein Fünftel aller Überschuldeten in Deutschland muss mehr als die Hälfte des eigenen Einkommens fürs Wohnen ausgeben. Dies zeigt der iff-Überschuldungsreport 2018, der aktuell zusammen mit „Deutschland im Plus – die Stiftung für private Überschuldungsprävention“ vorgestellt wurde und für den das institut für finanzdienstleistungen e.V. (iff) Haushalte zur finanziellen Situation befragt hat.

„Mietsteigerungen treffen diese Gruppe aufgrund ihrer niedrigen Einkommen besonders hart“, sagt Dr. Dirk Ulbricht, Direktor des iff. Das mittlere Einkommen der Überschuldeten liegt ein Fünftel unterhalb der Armutsschwelle von 1064 Euro. Der beste Weg aus Armut und Überschuldung wäre eine auskömmliche Beschäftigung, das bleibt für die meisten aber nur ein Traum. „Die Hälfte der Überschuldeten ist arbeitslos und das trotz des Wirtschaftsaufschwungs der letzten Jahre“, führt Ulbricht weiter aus.

Rund 7 Millionen Menschen von Überschuldung betroffen

Seit Jahren wächst die Gruppe der Überschuldeten: Im Jahr 2017 waren in Deutschland rund sieben Millionen erwachsene Menschen betroffen. „Die Folgen, wie fehlende gesellschaftliche Teilhabe, erstrecken sich auch auf die in überschuldeten Haushalten überproportional häufig lebenden Kinder“, so Dr. Christiane Decker von der Stiftung „Deutschland im Plus“. „Gerade für diese Familien ist es schwierig, ausreichenden und bezahlbaren Wohnraum zu finden“. Aufgrund des niedrigen Einkommens sind Überschuldete besonders stark von dem Anstieg der Wohnkosten in den Stadtzentren deutscher Großstädte wie Berlin, München oder Hamburg betroffen. Einkommensarme und insbesondere auch überschuldete Menschen werden zunehmend in immer weiter von den Zentren entfernte Randlagen gedrängt. Das erhöht die Hürde, durch Aufnahme einer Arbeit aus eigener Kraft die Schulden zurückzuzahlen.

In dem vom Hamburger Institut für Finanzdienstleistungen e.V. (iff) und der Stiftung „Deutschland im Plus“ vorgestellten Report wird neben allgemeinen Entwicklungen in Bezug auf Überschuldung auch die Entwicklung der Einkommen beleuchtet. Entsprechend der gängigen Armutsdefinition gelten als stark armutsgefährdet die Menschen, die weniger als 60 Prozent des Medians des in der Bevölkerung gemessenen auf den Bedarf gerechneten Einkommens zur Verfügung haben. Somit liegen etwa zwei Drittel der Ratsuchenden unterhalb der Armutsschwelle in Höhe von 1.064 Euro. Zwar ist das Pro-Kopf-Einkommen dieser Gruppe zwischen 2008 und 2017 von 770 Euro auf 880 Euro gestiegen. Dieser rund 14-prozentige Anstieg hat aber nur zu einem kleinen Teil eine tatsächliche Verbesserung der Lebenssituation mit sich gebracht. Betrachtet man den um die allgemeine Preisentwicklung bereinigten Verlauf, ergibt sich lediglich ein Anstieg von drei Prozent.

Die wichtigsten Überschuldungsauslöser

Betroffene geraten in der überwiegenden Zahl der Fälle ohne ihr eigenes Zutun in die Überschuldung. Arbeitslosigkeit und reduzierte Arbeit machen zusammen 26,4 Prozent der angegebenen Überschuldungsursachen aus. 2011 war der Wert ähnlich, die Bedeutung dieses Auslösers hat somit trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs und des damit verbundenen Beschäftigungszuwachses nicht an Bedeutung verloren. Einkommensarmut, der zweitwichtigste Auslöser, war zuletzt auf 10,4 Prozent zurückgegangen. Krankheit (9,9 Prozent) wird ein immer bedeutenderer Faktor. Scheidung oder Trennung (9,5 Prozent) hingegen verlieren in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung, ebenso wie Konsumverhalten (8,7 Prozent) und gescheiterte Selbstständigkeit (8,1 Prozent).

Überschuldung vorbeugen

Die Ergebnisse des Überschuldungsreports liefern wichtige Erkenntnisse für die Arbeit der Stiftung „Deutschland im Plus“, die sich für die Überschuldungsprävention stark macht. „Wir setzten gezielt da an, wo wir Überschuldung am besten vorbeugen können: bei den Jugendlichen“, berichtet Dr. Christiane Decker, Vorstand der Stiftung „Deutschland im Plus“. „Mit unseren Unterrichtseinheiten zur finanziellen Bildung bieten wir Schulen und Lehrern einen besonderen Service: wir machen ihre Schüler fit in Finanzwissen und sensibilisieren sie für den verantwortungsbewussten Umgang mit ihrem Budget. So können wir insbesondere Überschuldung durch Konsumverhalten vorbeugen und jungen Menschen helfen, eigenverantwortlich mit Geld umzugehen.“ Seit der Gründung der Stiftung „Deutschland im Plus“ profitierten bereits über 70.000 Schüler von der zusätzlichen Unterrichtseinheit. Darüber hinaus bietet die Stiftung „Deutschland im Plus“ auch erste Hilfe für Betroffene von Überschuldung – und gibt telefonisch oder online erste hilfreiche Tipps an die Hand.²

¹Der Paritätische Wohlfahrtsverband – Gesamtverband e.V. ²Deutschland im Plus – Die Stiftung für private Überschuldungsprävention

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