„Hau ab, du Jude“ – Antisemitismus in Deutschland

Antisemitismus an Schulen: Volker Beck verlangt umfassende Meldepflicht

„Hau ab, du Jude“ – Antisemitismus in Deutschland

Jahrelang wurde ein jetzt 15-Jähriger beleidigt, verprügelt, gemobbt, weil er Jude ist. Erst seitdem er die Schule gewechselt hat, geht es ihm wieder besser. Ein Fall von vielen. Antisemitismus und Judenhass scheinen auf vielen deutschen Schulhöfen alltäglich zu sein. Langsam wird die Öffentlichkeit sensibler für das Thema. Die Politik verspricht, in Zukunft verstärkt Sozialarbeiter an die Schulen zu schicken. Tamara Anthony hat mit der betroffenen Familie gesprochen und fragt, wie es sein kann, dass mehr als 70 Jahre nach dem Nationalsozialismus in Deutschland solche Stimmen wieder laut werden und wie die Familie damit lebt. ARD Das Erste

„Wegschauen, weghören und schnell zu den Akten legen ist immer noch Routine“

Bielefeld. Vor dem Hintergrund judenfeindlicher Vorfälle an Schulen hat sich Volker Beck, Lehrbeauftragter am Centrum für Religionswissenschaftliche Studien (CERES), für grundsätzliche Meldepflichten bei antisemitischen, antiziganistischen, antiislamischen oder homophoben Mobbingfällen ausgesprochen. „Solche Vorfälle sollten immer an die höheren Ebenen gemeldet werden, um ein Lagebild zu erhalten“, sagte Beck der in Bielefeld erscheinenden Neuen Westfälischen. So könnte man verhindern, dass sie „als Einzelfälle abgetan und unter den Tisch gekehrt werden“.

Bereits 2011 habe die erste Unabhängige Expertenkommission Antisemitismus den Schulen Handlungsempfehlungen für den Kampf gegen Antisemitismus aufgeschrieben, sagte der frühere Grünen-Bundestagsabgeordnete. „Weder der Bund noch die für Bildung zuständigen Länder haben diese Empfehlungen bis heute konsequent und nachhaltig umgesetzt“, kritisierte Beck. Überwiegend sei „nichts geschehen“, denn „wegschauen, weghören und schnell zu den Akten legen sind immer noch schulische Routine“ – dies sei nur „schwer erträglich“. Selbstsuggestion und Beschwörungsformeln, wonach Antisemitismus gerade in Deutschland fehl am Platz sei, sollten aufhören. Sie seien „immer Ausreden fürs Nichtstun“ gewesen.

Die Union im Bundestag hat eine Meldepflicht für judenfeindliche Vorfälle an Schulen gefordert. Demzufolge sollen in jedem Bundesland die Schulen verpflichtet werden, solche Vorfälle konsequent der Schulverwaltung zu melden. Es sei wichtig, belastbare Angaben über das Ausmaß des Antisemitismus und dessen Ursachen zu bekommen, damit die Kultusminister der Länder auch schulübergreifend Maßnahmen prüfen könnten. Neue Westfälische

Antisemitismus: NRW-Schulministerin kritisiert Vorschlag zur Meldepflicht an Schulen

Yvonne Gebauer (FDP): „Entscheidend ist die Vorbeugung“

Das NRW-Schulministerium hat sich skeptisch zu der Idee einer Meldepflicht für antisemitische Mobbingfälle an Schulen geäußert. In einem Gespräch mit der in Bielefeld erscheinenden Neuen Westfälischen sagte die nordrhein-westfälische Schulministerin Yvonne Genauer (FDP) zu dem Vorschlag der Unionsfraktion im Bundestag, dass „die Frage der Meldepflicht nicht entscheidend“ sei. Vielmehr gilt aus ihrer Sicht, „die Schulen bei ihrer Präventionsarbeit zu unterstützen, um derartige Vorfälle zu verhindern“.

Gebauer strich Schulprojekte heraus, die landesweit zur Vorbeugung laufen. „Die Vermittlung demokratischer Grundwerte ist eine wichtige Aufgabe“, sagte die Ministerin. „Unsere Schulen nehmen diese Herausforderung mit großem Engagement an.“ Das zeigten die vielen Programme, die es zu dem Thema gebe. „Allen Beteiligten an unseren Schulen gebührt für diese Arbeit Dank und Anerkennung.“

Die Verantwortung geht laut Gebauer über die Lehrerschaft hinaus. So sei „die Vermittlung von demokratischen Grundwerten nicht allein die Aufgabe von Schule“. Auch das Elternhaus sei gefordert, „wenn es darum geht, junge Menschen vor Radikalisierung und Extremismus zu schützen“, sagte die FDP-Politikerin und stellte klar: An den Schulen in Nordrhein-Westfalen „gibt es keinen Platz für Antisemitismus und andere Formen des Extremismus, ganz gleich ob sie politisch oder religiös motiviert sind“. Neue Westfälische

Expertin Marina Chernivsky fordert pädagogische Interventionen gegen Antisemitismus an Schulen

Die Leiterin des Kompetenzzentrums Prävention und Empowerment der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), Marina Chernivsky, fordert pädagogische Interventionen gegen Antisemitismus an Schulen. »Werden solche Zwischenfälle nicht thematisiert, bekommen die Jugendlichen die Botschaft, dass das, was sie denken und was sie tun, akzeptiert ist«, sagte Chernivsky der in Berlin erscheinenden Tageszeitung »neues deutschland«.

Das ZWST arbeitet seit 15 Jahren zu den Themen Antisemitismus und Rassismus und bietet Schülern und Eltern Unterstützung und Opferberatung an. Laut Chernivsky sind antisemitische Diskriminierungen an vielen Schulen leider an der Tagesordnung: »Die Spannbreite reicht von abschätzigen Kommentaren im Geschichtsunterricht über Beschimpfungen, Schmierereien auf der Schultoilette, bis hin zu tätlicher Gewalt.«

Die Schulen müssten mit Kompetenz und vor allem schnell auf solche Vorfälle reagieren, um Antisemitismus wirksam entgegenzutreten, forderte Chernivsky. Wichtig sei, dass die Schule nach einem Vorfall mit den Eltern Kontakt aufnimmt und nicht etwa versuche, die Dinge unter den Teppich zu kehren. Die Leiterin des Kompetenzzentrums verwahrte sich auch gegen den Pauschalvorwurf, dass Muslime per se antisemitischer seien als andere. »Ressentiments können nicht nur über die Religion erklärt werden.

Diese Verknüpfung lenkt vom Problem ab.« Neben der Verbesserung einer Betroffenberatung, so Chernivsky. wäre es ein wichtiger Schritt, wenn die Beschäftigung mit dem aktuellen Antisemitismus Teil der pädagogischen Ausbildung wäre. »Pädagogen sollten daher befähigt werden – vor allem in ihrer Ausbildung und dann auch im Rahmen praxisbegleitender Fortbildung – mit Antisemitismus an der Schule kompetent umzugehen«, sagte Chernivsky dem »nd«. neues deutschland

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