Kindesmissbrauch: Es fehlt an Achtung

Schon wieder schwere Polizeifehler bei Kindesmissbrauch - Nicht zu entschuldigen

Kindesmissbrauch: Es fehlt an Achtung

Der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ist vermutlich das größte Dunkelfeld in der deutschen Gesellschaft. Doch es hilft den Opfern nichts, für dieses Übel die gesamte Gesellschaft verantwortlich zu machen. Das Problem liegt vielmehr darin, dass sich die Gesellschaft täuscht – wohl auch gern täuschen lässt – über das Ausmaß dieses Verbrechens. Und sie täuscht sich auch darüber, dass es selbst den Schutzraum Familie für viele Minderjährige nicht gibt.¹

Je mehr Details im Fall des massenhaften Kindesmissbrauchs in Lügde bekannt werden, desto unfassbarer ist, wie lange die Täter unentdeckt blieben. Einem Bericht des NRW-Familienministeriums zufolge waren daran offenkundig nun auch noch Doppel-Zuständigkeiten der Jugendämter in NRW und Niedersachsen schuld. Während die Nordrhein-Westfalen das Kindeswohl in Gefahr sahen, glaubten die Niedersachsen den Beteuerungen des Pflegevaters. Im Ergebnis blieb das Mädchen bei seinem Peiniger. Es werden viele Lehren aus diesem schrecklichen Fall zu ziehen sein.

Jenseits der Aufarbeitung des Behörden-Versagens sollte aber eine Erkenntnis um sich greifen: Kindesmissbrauch ist alltäglicher, als viele meinen – gerade im Familien- und Bekanntenkreis. Manch einer, der an führender Stelle zurzeit mit der Aufklärung des Falls Lügde betraut ist, spricht von einer erschreckenden Dimension des Kindesmissbrauchs in unserer Gesellschaft. Dass dies gern verdrängt wird, macht es den Tätern leicht, unentdeckt zu bleiben. Davon hat auch der mutmaßliche Kinderschänder von Lügde profitiert.²

Eine neuer Verdachtsfall von schwerem Kindesmissbrauch erschüttert das Land. Diesmal könnte ein Physiotherapeut für Kinder und Jugendliche sein Vertrauensverhältnis zu jungen Menschen auf perfide Weise ausgenutzt haben. Und wieder hat die Polizei nicht mit dem nötigen Nachdruck reagiert. In der Tat: In einem konkreten Verdachtsfall nichts anderes zu tun als dreimal an der Haustür des Beschuldigten zu klingeln und dann wieder abzuziehen, weil der Mann nicht zuhause ist – das ist nicht zu entschuldigen. Selbst wenn es zu diesem Zeitpunkt „nur“ um den Besitz von Kinderpornografie und noch nicht um aktiven Kindesmissbrauch ging, ist dies untragbar.

Denn hinter jeder Kinderpornografie stehen missbrauchte Kinder, die zu schützen es Aufgabe und Pflicht der Polizei ist. Innenminister Reul, der eigentlich als Sheriff der schwarz-gelben Koalition den energischen Kampf gegen Verbrecher auf seine Fahnen geschrieben hat, sieht sich nun in einer völlig neuen Rolle. Er muss erst einmal das arg ramponierte Image der Polizei wieder aufpolieren. Fehler aufdecken, analysieren und dafür sorgen, dass sie möglichst nicht wieder passieren – seine Null-Toleranz-Strategie muss sich nun auch gegen diejenigen bei der Polizei richten, die ihren Job nicht ordentlich machen.³

¹Wulf Rüskamp – Badische Zeitung ²Rheinische Post ³Neue Westfälische

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