Loveparade-Katastrophe: Opferanwalt prangert Verhalten von Ex-Innenminister Jäger an

NRW-FDP: Sicherheitsauflagen für Feste und Umzüge entschlacken

Loveparade-Katastrophe: Opferanwalt prangert Verhalten von Ex-Innenminister Jäger an

Jäger habe sich sofort schützend vor die Polizei gestellt. Reiter weiter: „Ich war später Sachverständiger im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Kölner Silvesternacht. Hier hatten sich teilweise die Organisationsfehler und Versäumnisse von der Loveparade wiederholt: mangelhafte Kommunikation, zu wenig einsatzbereite Polizisten, allgemeine Überforderung und fehlende Handlungsstrategie. Es gab keinen Plan B für den Fall, dass etwas passiert. Hätte man aus der Loveparade gelernt, hätte die Kölner Silvesternacht so nicht stattgefunden.

Loveparade-Gutachten: Veranstaltungsraum und Anlagen waren überlastet

Zur Katastrophe auf der Loveparade in Duisburg vor acht Jahren ist es möglicherweise wegen einer lang anhaltenden Kapazitätsüberschreitung der Anlagen und des Veranstaltungsraumes gekommen. Darüber hinaus seien die im Vorfeld geplanten Maßnahmen, um mögliche Kapazitätsüberschreitungen zu verhindern, nicht geeignet gewesen. Davon sei, so die vorläufigen Erkenntnisse, die Hauptgefährdung für die Besucher ausgegangen, heißt es im 2000 Seiten umfassenden Gutachten des Sicherheitsexperten Jürgen Gerlach. Gerlach hat im Auftrag der Staatsanwaltschaft untersucht, welche Fehler die Verantwortlichen bei der Planung und Genehmigung im Vorfeld des Festivals mit 21 Toten und mehr als 650 Verletzten gemacht haben. Für das Gutachten wurden Tausende Aktenseiten und rund 300 Stunden Videomaterial gesichtet – und das nur innerhalb eines Jahres von Juli 2016 bis September 2017. Die Expertise wurde erst vor zwei Tagen fertiggestellt. Nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft stützt Gerlach die Anklage gegen sechs Mitarbeiter der Stadt Duisburg und vier Mitarbeiter des Veranstalters. Sie müssen sich unter anderem wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung verantworten. Der Prozess beginnt am 8. Dezember.

Loveparade-Katastrophe: Opferanwalt kritisiert Rolle der Polizei

Die Polizei habe sich bei der Loveparade-Katastrophe im Jahr 2010 „teilnahmslos verhalten und nicht früh genug eingegriffen“. Das sagte der Opferanwalt Julius Reiter der in Düsseldorf erscheinenden „Rheinischen Post“. „Unbestreitbar ist, dass es Versäumnisse seitens der Polizei gab“, sagte Reiter weiter. „Opfer haben uns erzählt, dass Polizisten rumgeflachst haben, als die Menschen schon um ihr Überleben kämpften. Da fällt es einem schwer zu glauben, dass die Polizei keine Verantwortung tragen soll. Möglicherweise hätte sie weiteres Sterben verhindern können.“ Die Rolle der Polizei müsse auf jeden Fall geklärt werden, weil die Angehörigen der Opfer eine lückenlose Aufklärung wünschten. Am 8. Dezember beginnt in den Düsseldorfer Messehallen der Prozess zur Loveparade-Katastrophe. Angeklagt sind sechs Mitarbeiter der Stadt Duisburg und vier Beschäftigte des Veranstalters. Polizisten sind nicht dabei. Bei dem Unglück am 24. Juli 2010 in Duisburg starben 21 Menschen, Hunderte wurden verletzt.

Klarheit für Angehörige

In rund sechs Wochen beginnt in den Düsseldorfer Messehallen der wohl größte Strafprozess der jüngeren deutschen Geschichte. Nach sieben Jahren wird dann endlich juristisch der Frage nachgegangen: Wie konnte es zu der unfassbaren Loveparade-Tragödie in Duisburg kommen, bei der 21 Menschen starben? Dass es womöglich Planungsfehler waren, die in die Katastrophe führten, legt das zentrale Gutachten der Staatsanwaltschaft nahe. Die darin skizzierten Fehleinschätzungen und Fehlplanungen machen zum Teil sprachlos. Sollte es tatsächlich zutreffen, dass Anlagen, die den Besucherstrom kontrollieren und steuern sollten, falsch konzipiert und die Gefahr eines Menschenstaus im Tunnel unterschätzt wurden, ist das ein ungeheures Versagen der zuständigen Behörden. Das bedeutet noch lange nicht, dass es auch zu Verurteilungen kommen wird. Das Gutachten ist aber auf jeden Fall ein Hoffnungsschimmer für die Hinterbliebenen. Denn sie wollen endlich Klarheit darüber haben, wieso ihre Kinder sterben mussten. Christian Schwerdtfeger –  Rheinische Post

„Der neue Fraktionsvorsitzende der FDP im nordrhein-westfälischen Landtag, Christof Rasche, fordert eine Lockerung der strengen Sicherheitsauflagen für Feste und Veranstaltungen in Nordrhein-Westfalen. „Ich sehe die Gefahr, dass wir vielen Ehrenamtlichen mit immer komplexeren Sicherheitsanforderungen und Genehmigungsauflagen die Freude am Ausrichten von Festen, Konzerten und Umzügen nehmen“, sagte Rasche der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung.

Finanziell und organisatorisch seien die Genehmigungsanforderungen vielerorts von den Ehrenamtlichen nicht mehr zu stemmen. Es sei zwar richtig gewesen, nach den Erfahrungen der Loveparade-Katastrophe 2010 und vor dem Hintergrund der allgegenwärtigen Anschlagsgefahr Veranstaltungen bestmöglich schützen zu wollen. „Das darf aber nicht dazu führen, dass ehrenamtlich nichts mehr stattfinden kann“, so Rasche.

Hohe Kosten, fehlende Ordnungskräfte oder langwierige Genehmigungsverfahren haben landesweit dazu geführt, dass sich Vereine und Ehrenamtliche aus der Organisation von kleineren Brauchtumsfesten oder Umzügen zurückgezogen haben. Westdeutsche Allgemeine Zeitung

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