Missbrauchsskandal Lügde – weitere Vorwürfe gegen das Jugendamt

Mehr als ein Einzelfall?

Missbrauchsskandal Lügde – weitere Vorwürfe gegen das Jugendamt

Im Missbrauchsskandal auf einem Campingplatz bei Lügde gibt es neue Vorwürfe gegen das Jugendamt in Hameln. Es steht in der Kritik, ein 6-jähriges Mädchen trotz mehrfacher Hinweise auf Pädophilie in die Obhut eines arbeitslosen Dauercampers gegeben zu haben. Gegen den Mann laufen Ermittlungen wegen des Verdachts, Kinder tausendfach sexuell missbraucht zu haben. Im NDR äußert sich jetzt erstmals der leibliche Vater des Mädchens. Er sagte dem Regionalmagazin „Hallo Niedersachsen“, er habe sich vom Jugendamt allein gelassen gefühlt. Von dem mutmaßlichen Missbrauch seiner Tochter habe er aus der Presse erfahren.

Der 25-Jährige, der in der Öffentlichkeit zum Schutz seiner Tochter anonym bleiben möchte, sagte dem NDR im Interview, das Jugendamt habe ihn nicht kontaktiert, als es von dem schwerwiegenden Tatverdacht erfahren hatte: „Ich kann das gar nicht in Worte fassen. Da kam telefonisch nichts, es kam per Post nichts, es kam per Email nichts. Ich wurde auch nicht dazu befragt, wie es weitergeht.“

Er war selbst noch Schüler, als die Tochter 2011 zur Welt kam. Er hat die Vaterschaft anerkannt, die Unterlagen liegen dem NDR vor. Das Sorgerecht lag von Beginn an nur bei der Mutter. Heute mache er sich große Vorwürfe, sagt der junge Mann. Er hätte seine Mitsprache mehr einfordern müssen, doch ihm habe in jenen Jahren selbst der familiäre Rückhalt gefehlt. Inzwischen hat er sich einen Anwalt genommen und bemüht sich, das Sorgerecht zu erhalten.

2016 gab das Jugendamt das Kind auf Wunsch der Mutter bei dem arbeitslosen Dauercamper Andreas V. nahe Lügde in Pflege. Der leibliche Vater hatte zufällig davon erfahren und sagt im Interview, er sei erschrocken gewesen. Bei einem Besuch des Mädchens sei er von dem heute Hauptbeschuldigten Andreas V. vertrieben worden. Die Schilderung des Vaters wird durch einen Zeugen bestätigt. Der Vater beteuert, er habe das Jugendamt danach mehrfach angerufen und seinen Protest auf dem Anrufbeantworter hinterlassen: „Ich sagte, wie kann es sein, dass ein Kind auf einem Campingplatz abgegeben wird? Ob die sich da mal umgeschaut haben, wie verwahrlost das ist? Ob das deren Ernst ist, auf die Wünsche der Mutter einzugehen?“ Doch einen Rückruf habe er nie bekommen.

Das Jugendamt in Hameln verweist in einer Stellungnahme gegenüber dem NDR auf den Datenschutz: Es könne keine detaillierte Auskunft zu konkreten Personen geben. Grundsätzlich würden neben den Fachleuten des Amtes alle Entscheidungen unter Würdigung der Willensäußerung der sorgeberechtigten Person gefällt.

Juristisch sei das zwar richtig, bewertet der renommierte Pflegschaftsforscher Prof. Klaus Wolf von der Universität Siegen den Umgang des Jugendamtes mit dem Kindsvater. Dennoch sieht er einen „gravierenden fachlichen Fehler“: „Wenn man zu dem Vater sagt: Du bist unterhaltsverpflichtet, weil du die Vaterschaft anerkennst, aber ansonsten informieren wir dich nicht darüber, wie Dein Kind lebt – dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn er das Gefühl eines unfairen Umgangs hat.“

Gegen den 56-Jährigen Andreas V. läuft ein Ermittlungsverfahren bei der Staatsanwaltschaft Detmold. Er soll zahlreiche Kinder sexuell missbraucht und dabei auch gefilmt haben. Er sitzt in Untersuchungshaft, ebenso wie zwei mutmaßliche Mittäter.¹

Missbrauchsfall Lügde – Opfer-Anwalt Roman von Alvensleben kritisiert Ämter: „Ich halte das für ein Versagen der Behörden“

Im Missbrauchsfall von Lügde hat der Anwalt Roman von Alvensleben bei stern TV die zuständigen Ämter massiv für ihr spätes Eingreifen kritisiert: „Ich halte das für ein Versagen der Behörden. Da muss man ganz klar sagen. Ich vertrete ein junges Mädchen, dem dieses ganze Leid hätte erspart werden können, wenn da vernünftig und aufmerksam gearbeitet worden wäre“, sagte von Alvensleben, der das Mädchen vertritt, dessen Mutter den Missbrauch zur Anzeige brachte, was schließlich zur Festnahme des mutmaßlichen Täters Andreas V. führte. Jahrelang soll Andreas V. auf einem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen Kinder missbraucht und die Taten gefilmt haben. Obwohl besorgte Eltern den zuständigen Behörden offenbar mehrfach Hinweise auf mögliche Taten gaben, schritt zunächst niemand ein.

Während wichtige Beweismittel im Fall verschwanden – ein Koffer mit 155 CDs und DVDs ist in einer Detmolder Polizeibehörde nicht mehr auffindbar – war schon die Beweisaufnahme von Pannen geprägt. 83 Tage nach der ersten Durchsuchung des Campingplatzes fand Polizeihundeführer Jörg Siebert noch Beweismaterial in Form eines USB-Sticks und einer Sim-Karte, obwohl der Tatort bereits mehrere Male durchsucht worden war. „Also durch diese – ich sage mal – Müllhalde ist bereits eine Hundertschaft durch und hat das kontrolliert. Und da geht man normalerweise davon aus, dass man da mit dem Hund nichts mehr findet. Normalerweise“, sagte Siebert zu stern TV. „Ich möchte den Kollegen da jetzt nichts vorwerfen. Ich denke schon, dass da ein paar Sachen schiefgelaufen sind. Dass man in dieser Sache ein bisschen akribischer hätte suchen sollen.“

Zustände, die auch Anwalt Roman von Alvensleben nicht nachvollziehen kann, wie er am Mittwochabend bei stern TV sagte: „Es ist nicht erklärbar. Wir haben gesehen, dass die Polizeistation videoüberwacht ist, wir haben auch erfahren, dass nachträglich Unterlagen in Akten vom Jugendamt eingelegt worden sind. Das ist eine klare Manipulation, das darf der Rechtsstaat nicht dulden.“ Durch die diversen Fehler und Nachlässigkeiten könnte es von Alvensleben zufolge möglich sein, dass ein mögliches Urteil gegen Andreas V. milder ausfallen könne: „Es spielt dem Beschuldigten in die Karten und kann dazu führen, dass beispielsweise eine vorzeitige Haftentlassung möglich ist.“²

¹Norddeutscher Rundfunk ²STERN TV

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