Steinkohle-Aus: Die Kohle und das Ruhrgebiet

Das Ende einer Legende

Steinkohle-Aus: Die Kohle und das Ruhrgebiet

Die Schwerindustrie hatte eine ganz eigene, von körperlichem Einsatz, gesundheitlichen Gefahren und von solidarischem Handeln geprägte Arbeitswelt geschaffen, die die Menschen als Legende des Ruhrgebiets und damit als Identität ihres Lebensraums ansahen. So steht das Wort Maloche für das Selbstverständnis einer Arbeiterschaft, deren Denken Nüchternheit, Leistung und Zusammenhalt auszeichnete. Mit dem Konzept der Industriekultur hat das Ruhrgebiet – ähnlich wie das Saarland – die vergehende Welt der Schwerindustrie einzufangen versucht. Musealisierung mag zwar über den Tourismus einen vergleichsweise sehr bescheidenen wirtschaftlichen Ausgleich für die verlorene Industrie schaffen.

Doch die Mentalität lässt sich so nicht wahren. Viele sehen daher nur noch einen Stadtbrei zwischen Duisburg und Dortmund. Um im Wettbewerb der Regionen aber zu bestehen, braucht das Ruhrgebiet Attraktivität. Es muss sich daher neu erfinden – als mit Abstand größte Stadt Deutschlands, als immer noch mächtiger ökonomischer Raum. Mit einem solchen Wandel von Wirtschaftsstruktur und Identität könnte das Ruhrgebiet zum Muster für alle Regionen werden, auf die die Krise ihrer industriellen Schwerpunkte noch wartet. ¹

An diesem Freitag endet der Steinkohle-Bergbau in Deutschland. Auf der Schachtanlage Prosper-Haniel soll Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das symbolisch letzte deutsche Kohlestück erhalten. Dann ist endgültig Schicht im Schacht! Es ist ein historisches Datum: Der Bergbau und das Ruhrgebiet – diese Einheit hat einen wahren Mythos begründet. Erst die Kohle hatte Europas Industrialisierung ermöglicht. Und nach dem Zweiten Weltkrieg war sie der Energieträger für das deutsche Wirtschaftswunder. »Dein Grubengold hat uns wieder hochgeholt«, singt Herbert Grönemeyer in seiner legendären Hymne auf seine Heimatstadt Bochum. Ein Satz wie eine Zeitreise in die 1950er Jahre, als fast 500.000 Menschen im Ruhrbergbau arbeiteten. Doch es blieb nicht so. Seit vielen Jahren schon kann Kohle in Deutschland nur noch dank Subventionen in Milliardenhöhe gefördert werden. Doch auch wenn jetzt die letzten Zechen schließen, wird hierzulande weiter Steinkohle gebraucht. Stahlkocher und Stromerzeuger setzen fortan komplett auf Importkohle, die über abertausende Kilometer herangeschafft werden muss.

Das sehen nicht nur die heimischen Bergleute kritisch. Die industriepolitische Zeitenwende ist da, die ökologische aber steht noch aus. Und was bedeutet das alles ökonomisch? Im Ruhgebiet sind sichere und gut bezahlte Arbeitsplätze rar. Der Strukturwandel bleibt eine Herkulesaufgabe für NRW. Unsere Republik braucht nicht weniger als einen neuen Gründergeist. Neue Schlüsselindustrien, die den Weg in die Zukunft weisen und uns international wettbewerbsfähig halten. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz lauten hier die Stichworte. Nicht wenige Menschen fühlen sich jedoch von den Umwälzungen in der Arbeitswelt, ja des gesamten Lebens überfordert. Doch Angst vor der Veränderung lähmt nur. Was wir brauchen, sind mehr Zukunftsoptimismus und den Mut zu Visionen. Es mag bequem sein, sich über Flugtaxis lustig zu machen, eine solche Haltung aber ist wohlfeil. Wer eine Vorstellung davon bekommen will, wie groß Deutschlands Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung ist, der muss nicht in ferne Länder reisen – ein Kurztrip in Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen reicht da völlig.

Die Maloche im Bergbau war hart: Dunkelheit, Staub, Dreck und das alles tief unter der Erde – die Anstrengung stand den Kumpeln ins Gesicht geschrieben. Die Herausforderungen der neuen Welt sind andere – aber sie sind ganz gewiss nicht kleiner. Der Algorithmus ist das Bergwerk, die Daten sind das Gold unserer Tage. Krempeln wir also die Ärmel auf! Wir müssen uns anstrengen und wir müssen alles aus uns herausholen – so wie es die Bergleute über viele Jahrzehnte getan haben. Glück auf, Deutschland!²

¹Wulf Rüskamp – Badische Zeitung ²Westfalen-Blatt

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