Völlig verfahren – Lokführergewerkschaft GDL will streiken

Bahn verliert immer mehr Kunden

Wer in den nächsten Tagen mit der Bahn fahren will, muss zittern, ob sein Zug auch kommt oder ob die Lokführer streiken. Schon zum siebten Mal wollen sie in der laufenden Tarifrunde die Arbeit verweigern. So verfahren, wie die Verhandlungen sind, dürfte es nicht der letzte Streik sein. Die Leidtragenden sind alle Kunden und nicht […]

GDL-Chef Claus Weselsky

Wer in den nächsten Tagen mit der Bahn fahren will, muss zittern, ob sein Zug auch kommt oder ob die Lokführer streiken. Schon zum siebten Mal wollen sie in der laufenden Tarifrunde die Arbeit verweigern. So verfahren, wie die Verhandlungen sind, dürfte es nicht der letzte Streik sein. Die Leidtragenden sind alle Kunden und nicht nur die Bahn, die schon bisher einen Schaden von 150 Millionen Euro beklagt. Verhandelt wird bereits seit sieben Monaten. Doch über Inhalte, die Forderung nach fünf Prozent mehr Lohn und die Verkürzung der Arbeitszeit um eine Stunde pro Woche, wurde bisher noch gar nicht gesprochen. Es geht nur darum, dass die Lokführergewerkschaft GDL einen Tarifvertrag auch für Zugbegleiter, Speisewagen-Mitarbeiter oder Planer des Zugverkehrs durchsetzen will, die bei ihr Mitglied sind. Für sie war – wie für den großen Rest der Bahn-Beschäftigten – bisher ausschließlich die konkurrierende Gewerkschaft EVG zuständig. Da tobt ein Machtkampf ohne Rücksicht auf Verluste.

Längst sind die Details der Verhandlungen für Außenstehende nicht mehr nachzuvollziehen. Nachdem sich GDL-Chef Claus Weselsky lange kompromisslos gegeben hatte, feierte er kurz vor Weihnachten plötzlich einen Durchbruch, nachdem sich die Bahn bereiterklärt hatte, ohne Vorbedingungen über einen Tarif für alle GDL-Mitglieder zu verhandeln. Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber konnte den Optimismus ebenso wenig nachvollziehen wie die Rolle rückwärts in den letzten Tagen. Zuletzt stritten beide Seiten heftig, worüber sie sich in stundenlangen Verhandlungen schon geeinigt hatten. Es erinnert an absurdes Theater Ein zentrales Problem ist, dass sich Weselsky den üblichen Regeln von Verhandlungen verweigert. Immer wieder stellt er Ultimaten, welche Forderungen die Bahn erfüllen müsse, um Streiks zu vermeiden. Doch mit Diktaten einer Seite lassen sich keine vernünftigen Tarifverhandlungen führen, ebenso wenig wie mit dem Vorwurf an die Bahn zu „tricksen, täuschen und taktieren“. Wer so kompromisslos agiert, setzt sich selbst ins Unrecht, auch wenn die Bahn sicher konsequent ihre Taktik verfolgt, und die lautet: Möglichst keine großen Unterschiede in den Tarifverträgen für die gleiche Beschäftigtengruppe. Eigentlich hätte die Bahn genug andere Sorgen. Mit der Pünktlichkeit hat sie ebenso massive Probleme wie mit dem Zustand vieler Strecken.

Zudem verliert sie immer mehr Fahrgäste an die Fernbusse. Im Vergleich zur Konkurrenz, und auch zum Auto, ist sie teuer, ihr Preissystem schwer durchschaubar. Kommt auch noch Unberechenbarkeit aufgrund von Lokführerstreiks dazu, dann ist das die beste Werbung für alternative Verkehrsmittel. All das kann zu langfristigen Schäden für den Staatskonzern führen, die letztlich auch die Mitarbeiter einschließlich der Lokführer zu spüren bekommen. Angesichts der Unerbittlichkeit, mit der dieser Konflikt ausgetragen wird, ist völlig offen, wie der gordische Knoten durchschlagen werden kann. Vermutlich wäre selbst ein erfahrener Schlichter überfordert. Eine wichtige Rolle hat allerdings der Deutsche Beamtenbund (DBB) als Dachverband, dem auch die GDL angehört. Denn von ihm kamen bisher Zuschüsse zur Streikkasse. Es kann DBB-Chef Klaus Dauderstädt nicht gleichgültig sein, wenn er immer mehr zur Kasse gebeten wird und gleichzeitig die Gewerkschaften insgesamt in ein schlechtes Licht geraten, weil eine kleine, aber machtvolle Gruppe wie die Lokführer das ganze Land lahmlegt. Deutscher Beamtenbund muss Druck machen

Südwest Presse
Ulrike Sosalla

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