Das Trauerspiel um Helmut Kohl

Bis über den Tod hinaus

Das Trauerspiel um Helmut Kohl

Politische Gegner, ob innerhalb oder außerhalb der CDU, trauen dem Mann, dem die deutsche Wiedervereinigung gelang, allerdings durchaus zu, auf einen Trauerakt außerhalb Deutschlands bestanden zu haben. Ja, Helmut Kohl war ein nachtragender Mensch. Und die Wunden auf seiner Seele, die es ganz offenbar gab, sind bis zum Tod nicht mehr verheilt.

Seine öffentliche Zurückhaltung war gesundheitlich bedingt und trug vielleicht auch zur Verbitterung im Alter bei. Mit der CDU, seiner Partei, hat er einigermaßen Frieden geschlossen. Aber ganz gewiss nicht mit einigen Parteifreunden. Neben Heiner Geißler und Rita Süssmuth zählt auch Angela Merkel zu den Personen, mit denen Kohl brach. Als CDU-Generalsekretärin hatte sie ihm Ende 1999 in der Spendenaffäre den entscheidenden Schlag versetzt, worauf der Altkanzler den CDU-Ehrenvorsitz abgab. Fortan soll er Merkel »Generalverräterin« statt Generalsekretärin genannt haben.

Nun wird kolportiert, dass Maike Kohl-Richter auf Wunsch ihres Ehemanns einen Staatsakt in Deutschland verhindern sollte, damit unliebsame Personen an seinem Sarg keine Reden halten können. Angeblich hätte das auch für Angela Merkel gelten sollen. Beim europäischen Trauerakt in Straßburg wird die Kanzlerin sprechen und sollte ihre Worte zu wählen wissen.

Es ist gewagt zu behaupten, dass Helmut Kohl den Deutschen die Möglichkeit zur öffentlichen Trauer verweigert habe. Er verweigert politischen Wegbegleitern die Bühne bei seiner Beisetzung. Das war ihm scheinbar wichtiger. Doch kann man ihm deswegen vorwerfen, mit dem deutschen Volk gebrochen zu haben?

Helmut Kohl war promovierter Historiker – und dachte in historischen Dimensionen: nie wieder Krieg mit den Nachbarn, das war seine Mission. Deutschland, Europa – die großen Ziele waren ihm wichtiger als seine Familie.

Wie sehr seine Söhne darunter gelitten haben müssen, zeigt sich jetzt deutlich an Walter Kohl, der mit der Witwe seines Vaters über Anwälte kommuniziert. Aber da sind die Kohls nicht anders als andere Familien. Auch Kinder im fortgeschrittenen Erwachsenenalter können es oft nur schwer verkraften, wenn ein neuer, womöglich deutlich jüngerer Partner, an die Stelle eines verstorbenen Elternteils tritt. Jedenfalls wird es Zeit, dass Helmut Kohl im Tod seinen Frieden findet. Es ist ihm zu wünschen. Westfalen-Blatt

Dieser öffentlich ausgetragene Familienzwist quasi am Grab eines großen Staatsmannes ist erbärmlich. Die Witwe versucht, die alleinige Hoheit über das Gedenken und das politisch-historische Erbe Kohls zu behalten. Menschlich ist das verständlich. Ihre Verweigerung eines nationalen Staatsakts und der angebliche Versuch, den Ungarn Viktor Orban anstelle der Kanzlerin reden zu lassen, schaden jedoch dem Andenken des Altkanzlers. Das ist bedauerlich. Straubinger Tagblatt

Was bleibt? Helmut Kohl war ein großer Deutscher und ein großer Europäer. Das bestreiten seit der Vollendung der deutschen Einheit auch jene nicht, die ihm sonst nicht wohlgesonnen waren.

Und doch war Kohl nicht unfehlbar. Dass er sich mit den anderen Parteien, aber auch seiner eigenen in der Parteispendenaffäre überwarf, dass er gegen das Recht verstieß und die Namen der Spender nicht nannte, entfernte den einstigen Ehrenvorsitzenden von der CDU. Sein Auftritt bei der Unions-Fraktion vor einigen Jahren hat zur Wundheilung beigetragen, doch die Narben blieben. Helmut Kohl hatte ein gutes Gedächtnis, und er verzieh nicht so leicht.

Sein Witwe hat ihn bis zuletzt, wenn nicht darin bestärkt, so zumindest unterstützt. Bundesinnenminister und Bundespräsidialamt wiesen gemeinsam auf den „Wunsch der Witwe“ hin, keinen zusätzlich nationalen Staatsakt vorzunehmen. Bundespräsident Steinmeier, einst Kanzleramtschef von Kohl-Nachfolger Schröder, wird nicht reden. Sollte nicht reden.

Und so hat die eigentlich großartige Idee, für Kohl einen europäischen Trauerakt vorzunehmen, den Beigeschmack, aus Rache kein deutsches Staatsbegräbnis haben zu wollen. Das ist ein Trauerspiel – und ein Spiel mit der Trauer gleichermaßen.

Bis über den Tod hinaus wird so die Geschichte von Rache und Unversöhnlichkeit erzählt. Und nur im besten Fall wird der europäische Trauerakt all das vergessen machen.

Wenn Clinton und Juncker, wenn Merkel und Macron Helmut Kohl in Straßburg ehren, wird das etwas Einmaliges sein – und vielleicht sogar an das Begräbnis des alten Adenauer erinnern, dessen Leichnam mit einem Schiffkonvoi den Rhein hinaufgefahren wurde. Die Feier in Straßburg ist eine einmalige Ehre für einen deutschen Staatsmann und gleichzeitig eine einmalige gemeinsame Ehrung durch Europa.

Damit wird Helmut Kohls Wunsch nach einem geeinten Europa über seinen Tod hinaus lebendig gehalten. Schwäbische Zeitung

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