Evangelischer Kirchentag: Luther steht im Schatten Obamas

Obama hat's gerissen - Bilanz des evangelischen Kirchentages

Evangelischer Kirchentag: Luther steht im Schatten Obamas

Nicht zuletzt das Gespräch von Barack Obama mit Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Massen angezogen. Aber ob das dazu führt, dass sich unter Deutschlands Evangelischen eine „Generation 2017“ herausbildet, wie es der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Heinrich Bedford-Strohm, am Sonntag vorschlug? Bei Lichte betrachtet können die Protestanten eigentlich nur froh darüber sein, dass der frühere US-Präsident bei ihrem Treffen zu Gast war. Denn eine nennenswerte eigene Themensetzung ist dem Kirchentag im Jahr des Reformationsjubiläums nicht gelungen. Wie üblich gab es den großen Gemischtwarenladen – vom Klimawandel zu den Frauenrechten, von Martin Luther bis zur AfD. Und natürlich spukten auch immer die gut lutherischen Begriffe „Freiheit“ und „Verantwortung“ durch die Berliner Messehallen.

Und erst Sonntag versuchte der afrikanische Bischof Thabo Makgoba Luther zum Vater demokratischer Freiheiten hochzustilisieren. Ganz ehrlich: Wird man sich wirklich an mehr als an einen Festgottesdienst bei tropischer Hitze zurückerinnern, wenn man in zehn Jahren über den Kirchentag in Berlin und Wittenberg spricht? Ausgewertet werden muss in jedem Fall das Fiasko der „Kirchentage auf dem Weg“. Gemessen daran, dass diese Veranstaltungen in acht Städten Mitteldeutschlands mit einem erheblichen Etat aus öffentlichen wie kirchlichen Mitteln ausgestattet waren, waren die Teilnehmerzahlen dort schlicht zu gering. Es ist klare Aufgabe der im Herbst in Bonn tagenden EKD-Synode, zu überprüfen, warum dort nicht rechtzeitig die Notbremse gezogen wurde. Und es bleibt zu hoffen, dass wegfallende Teilnehmerbeiträge nicht dazu führen, dass an dieser Stelle noch kräftig Geld nachgeschossen werden muss. Benjamin Lassiwe – Weser-Kurier

Gewiss, der Evangelische Kirchentag war immer auch politisch. Was aber qualifiziert den früheren US-Präsidenten für die Rolle des Superstars eines Glaubensfestes? Sein Friedensnobelpreis? Seine Außenpolitik, sein Versagen in Syrien und der übereilte Abzug aus dem Irak, der das Erstarken des „Islamischen Staates“ erst ermöglicht hat, jedenfalls nicht. Ganz einfach: Barack Obama ist ein Zuschauermagnet, er garantiert größtmögliche Aufmerksamkeit. Er macht aus dem Kirchentag ein Mega-Event. Offenbar sind die Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland und die Organisatoren der Veranstaltung der Überzeugung, das nötig zu haben. Straubinger Tagblatt

Kirchentag mit Werten für alle Menschen

Wenn Christi Himmelfahrt auf dem Kirchentag Merkel und Obama vorm Brandenburger Tor über die Demokratie plaudern, dann ist das natürlich auch eine großartige Show: Für die Selbstdarstellung der Kanzlerin, für den beliebten Trump-Vorgänger – und ebenso für die evangelische Kirche selbst. Die fünf Festtage in Berlin und Wittenberg sind ein Höhepunkt im Luther-Jahr. Hunderttausende sind dabei, Medien berichten weltweit. 23 Millionen Euro lassen sich die Protestanten das Ereignis kosten. Das viele Geld mag vielleicht gut angelegt sein, wenn man auf die Verbreitung der guten Botschaft baut: Nächstenliebe, Toleranz, Mildtätigkeit. Das sind christliche Werte, die heute nötiger denn je sind, ganz sicher. Aber diese Werte sind auch in anderen Religionen und selbst bei atheistischen Philosophen fest verankert. – Den anderen zu töten oder auszugrenzen kommt keinem Menschen in den Sinn, der seinen Glauben ernst nimmt oder der moralisch gefestigt durchs Leben gehen will. Dennoch kommt nach dem furchtbaren Attentat von Manchester wieder einmal die Frage auf, ob Gewalt nicht in der Religion Islam quasi verankert ist. Schließlich berufen sich viele Mörder und Attentäter auf Allah oder den Koran. Das stimmt.

Aber genauso stimmt die Feststellung, dass Hexenverbrennungen, Kreuzzüge oder Pogrome etwas mit dem Christentum zu tun haben. Oder Ausschreitungen in Ostasien etwas mit dem Hinduismus oder Buddhismus. Die Liste ließe sich beliebig und über alle Zeiten fortsetzen. Denn leider ist es so: Jede Religion birgt ein Potenzial an Gewalt. Aber nur dann, wenn sie Hetzern, Wortverdrehern oder anderen Verbrechern in die Hände fällt. Bei uns in Westeuropa hat es Jahrhunderte gedauert und unzählige Opfer gekostet, bis das Christentum sich auf den Kern der Botschaft Jesu berufen konnte: Liebe deinen Nächsten. In anderen Regionen unserer Welt ist das noch lange nicht so. Auch, weil es etwa im Islam (noch) keinen Reformator wie Martin Luther gegeben hat. 500 Jahre hat die Entwicklung bei uns gedauert… Es ist gut, dass auf dem Kirchentag das Verbindende der Religionen in den Vordergrund gestellt wird. Man redet und diskutiert miteinander, sucht nach Lösungen. Das ist der richtige Weg. Denn nur das Interesse am Anderen, die Offenheit, Toleranz und auch die Portion Selbstkritik schützen uns vor denen, die den Glauben für ihre eigenen und tödlichen Zwecke missbrauchen. Wenn das die Botschaft vom Kirchentag sein soll, dann hat sich die große Investition gelohnt. Manfred Lachniet – Neue Ruhr Zeitung / Neue Rhein Zeitung

Mit 22 Millionen Euro – die Hälfte davon übrigens aus dem Staatssäckel – war der Evangelische Kirchentag teurer als jeder zuvor. Auch Kirchentage folgen längst dem Diktat der Erlebnisgesellschaft: immer größer, immer bunter, immer aufwendiger. Stolz präsentieren die Organisatoren nun ihre Rekordzahlen: Fast 140.000 Besucher; 2.500 Veranstaltungen; 12.000 Schlafplätze in Privatquartieren. 100 Sonderzüge fuhren zur „Außenstelle“ nach Wittenberg – für die Bahn die umfangreichste Verkehrsleistung seit dem Mauerfall 1989, wie es heißt. In den Gemeinden vor Ort werden unterdessen Gemeindehäuser verkauft und Kirchen ausgesegnet, weil sich immer weniger Menschen zu ihrer Kirche bekennen. Kirchlich getragene Kindertagesstätten werden aufgegeben, weil das Geld nicht reicht. Pfarrer müssen immer größere Gebiete betreuen, weil es keinen Nachwuchs mehr gibt. Die Kirche leidet allenthalben an Auszehrung. Muss es da ein Spektakel wie den Kirchentag wirklich geben? Allenfalls dann, wenn es dazu taugt, das Gemeinschaftsgefühl der Gläubigen herzustellen, das ihnen die Basisarbeit in den bröckelnden Gemeinden nicht mehr bietet. Dieses Gemeinschaftsgefühl stellt sich am ehesten her über gemeinsam geteilte Werte und Überzeugungen. Den vielleicht eindringlichsten Gemeinschaftsmoment erlebte die Veranstaltung, als alle Teilnehmer gleichzeitig in Stille verharrten, um Zehntausender im Mittelmeer ertrunkener Flüchtlinge zu gedenken. Da war der Kirchentag plötzlich kein Millionenspektakel mehr. Sigrun Müller-Gerbes – Neue Westfälische

DasParlament

Ihre Meinung ist wichtig!

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.