NRW verstärkt massiv Schutz jüdischer Einrichtungen

Mehr Mut zum Mitgefühl

NRW verstärkt massiv Schutz jüdischer Einrichtungen

Nach dem rechtsextremistischen und antisemitischen Anschlag in Halle sind die Sicherheitsvorkehrungen in Nordrhein-Westfalen massiv verstärkt worden. Nach einem Bericht der Düsseldorfer „Rheinischen Post“ wurde die Zahl jüdischer Einrichtungen, die ab sofort rund um die Uhr von der Polizei bewacht werden, von drei auf 26 erhöht. Darunter sind Synagogen, jüdische Gemeinde- und Altenzentren sowie jüdische Kindertagesstätten. Die übrigen 41 jüdischen Schutzobjekte in NRW werden regelmäßig von Polizeistreifen beobachtet. „In Deutschland darf es nie wieder den Hauch eines Zweifels geben, dass wir immer an der Seite der Juden und der Seite Israels stehen“, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) der Zeitung.¹

Menschen jüdischen Glaubens sitzen am Feiertag Jom Kippur über Stunden angsterfüllt in einer Synagoge. Von draußen tobt ihnen Hass entgegen. Ein schwer Bewaffneter versucht, die Tür aufzuschießen. Einer Katastrophe entgehen die Besucher der Synagoge nur, weil zufällig die Tür standhält. Das ist kein Szenario aus den 1930ern, sondern Realität in Deutschland im Jahr 2019. Das Attentat kommt nicht überraschend. Dass Rechtsextreme und Neonazis gut vernetzt sind und sich durch alltägliche Hassreden im Internet als Teil einer starken, weltweiten Community fühlen, wissen wir.

Die Täter stellen selbstbewusst Videos ihrer Terrorläufe im Netz zur Schau. So war es im neuseeländischen Christchurch und auch bei den Morden des NSU in Deutschland. Solche Morde rufen weltweit Entsetzen hervor. Dabei müsste uns schon lange der alltägliche Rassismus und Antisemitismus in Deutschland empören. Immer wieder gibt es Ausfälle – unter Bürgern ebenso wie in Polizei, Bundeswehr oder Verfassungsschutz – oder Anschläge auf Geflüchtete und ihre Unterkünfte. Der Staat setzt diesem Hass von Rechts zu wenig entgegen. Erst langsam erkennen Politiker und Verfassungsschützer die gewaltige Dimension des Terrors von Rechts. Mittlerweile konstatiert auch Horst Seehofer, der selbst bis vor kurzem mit der Angst Politik machte, den Zusammenhang von menschenfeindlichen Worten und Taten. Jüdische und muslimische Mitbürger haben in der Vergangenheit immer wieder geäußert, dass sie sich nicht sicher in Deutschland fühlen. Sie werden zu wenig gehört – die Mehrheit der Menschen in Deutschland hat keinen Migrationshintergrund und kennt deshalb rechtsextreme Übergriffe oder Schmähungen nicht aus eigenem Erleben.

Dabei greifen diese Täter nichts weniger an als unsere Freiheit. Das deutsche Grundgesetz sagt: Alle Menschen sind gleich, unabhängig von Nation, Religion oder Hautfarbe. Wer das nicht respektiert, ist ein Feind der Demokratie und stellt sich selbst ins Abseits. Eigentlich. In der Realität des Jahres 2019 sitzen Menschenfeinde dort, wo gesellschaftlicher Austausch stattfindet: in TV-Talkshows, im Elternbeirat der Schule, auf dem Platz gegenüber in der Bahn. Für viele ist es mittlerweile normal, dass AfD-Politiker bei jeder Talkrunde mitmischen, als könnten ihre Ausfälle auf diese Weise gezähmt werden. Das Gegenteil ist passiert: Die Grenze des Sagbaren hat sich verschoben, Menschenfeindlichkeit kommt als Meinung daher. Im Deutschland des 21. Jahrhunderts leben Menschen mit unterschiedlichen Identitäten: manche sind nicht heterosexuell, manche tragen ein Kopftuch, andere eine Kippa. Daran ist nichts Bedrohliches. Die meisten dieser Menschen wollen nichts anderes als das: friedlich in Deutschland leben und eine gute Zukunft für ihre Kinder.

Doch für erschreckend viele Menschen sind sie die vermeintlich „Anderen“, denen man Negatives zuschreibt. Viele von denen, die sich so äußern, fordern für sich selbst ein, als Individuum wahrgenommen zu werden. Zugleich werten sie Asylbewerber, Juden, Muslime, Sinti und Roma pauschal ab. Das verdient unbedingt Widerspruch. Aus der Zeit des Nationalsozialismus wissen wir, dass nicht das Morden am Anfang der Katastrophe stand, sondern die pauschale Ausgrenzung der jüdischen Mitbürger. Dass es nie mehr soweit kommen kann, dafür sind wir alle verantwortlich. Wir sollten entschieden Solidarität zeigen für Menschen, die im Visier der Rechtsradikalen sind. Noch immer wird weniger mit ihnen gesprochen als über sie – häufig klischeehaft. Das sollte die Konsequenz aus den Taten von Halle sein, die die Rechtsradikalen ausbremst: Wenn wir offen auf unsere jüdischen und muslimischen Nachbarn zugehen und ihre Ängste ernst nehmen.²

¹Rheinische Post ²Mittelbayerische Zeitung

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