Schneller aber weniger: Warum sich Frauen mit der Karriere beeilen müssen

LinkedIn-Untersuchung analysiert Karrierewege von Männern und Frauen

Schneller aber weniger: Warum sich Frauen mit der Karriere beeilen müssen

Die griechische Philosophie, das Römische Recht, die Kirchenordnung – in einem waren sich die Gelehrten zweieinhalbtausend Jahre einig: Frauen sind minderwertig und können gar nicht die gleichen Rechte wie Männer genießen. Heute kann man über diese Sicht vergangener Jahrhunderte nur den Kopf schütteln. Eine bizarre Vorstellung, die nur durch Unterdrückung so lange aufrechterhalten werden konnte. Umso erstaunlicher ist es, wie schnell und radikal sich die Welt mit der Einführung des Frauenwahlrechts, das die Frauen in Deutschland erstmals vor 100 Jahren wahrnehmen konnten, verändert hat – von der beruflichen über die sexuelle Selbstbestimmung bis hin zur Frauenförderpolitik und einem Familienbild, in dem sich Mutter und Vater gleichermaßen emanzipiert haben.

Leben, Lieben und Arbeiten auf Augenhöhe

Der 8. März ist ein Tag, an dem sich Männer und Frauen gegenseitig zum Leben, Lieben und Arbeiten auf Augenhöhe beglückwünschen können. Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Frauenbewegung und der Durchsetzung von Gleichberechtigung. Die Frauen sind weit gekommen. Das 21. könnte das Jahrhundert der Frauen werden. Aber nur, wenn sie weitermachen. Es gibt keinen Grund zu sagen: Jetzt ist es aber mal gut. Baustellen finden sich immer noch – zum Beispiel der wieder sinkende Anteil von Frauen in Parlamenten, die schlechtere Bezahlung von Frauen und der immer noch erbärmlich niedrige Anteil von Frauen in Vorständen von Unternehmen. Aber die Frauenfrage ist inzwischen eine von Soll und Haben.

Mädchen liefern die besseren Schulnoten, in strukturschwachen Gebieten bleiben oft schlecht ausgebildete Männer zurück, und manch ein in diesem Jahrtausend geborener Junge fragt sich, ob in Deutschland eigentlich auch Männer Kanzler werden können. Das ist durchaus auch ein Thema für den Frauentag. Gleichberechtigung ist keine Einbahnstraße. In den Schulen wird man über besondere Angebote und mehr männliche Vorbilder für Jungen nachdenken müssen, und der Entwicklung, dass sich schlecht ausgebildete junge einsame Männer politisch radikalisieren, sollte der Staat auch nicht teilnahmslos zusehen. Beide Geschlechter haben Förderbedarf auf unterschiedlichen Feldern.

Das Grundgesetz schreibt vor, dass der Staat die Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern fördern und Nachteile beseitigen muss. Für beide. Am internationalen Frauentag muss der Blick vor allem auch in den Rest der Welt gehen, insbesondere in jene Länder, die noch kein Jahrhundert der Frauenbewegung erlebt haben: nach Saudi Arabien, wo Frauen immer noch von Ehemännern und Brüdern abhängig sind, nach Afrika, wo Mädchen die Genitalien verstümmelt werden, nach Indien, wo Frauen vor Vergewaltigungen noch nicht einmal in der Öffentlichkeit sicher sind, oder nach Syrien, wo der IS vermeintliche Ehebrecherinnen steinigt. Weltweit leben Millionen Frauen in Angst und Unterdrückung.

Die Frauenrechte weltweit müssen von der deutschen Außenpolitik noch viel stärker eingefordert werden. Und am Ende ist der internationale Frauentag auch eine gute Gelegenheit, sich einmal an die eigene Nase zu fassen. Fordern wir Frauen nur die Gleichberechtigung ein, oder sind wir auch bereit, Stress, Verantwortung und Mehrarbeit zu übernehmen, wenn eine Führungsposition greifbar ist? Fordern wir Frauen die Männer zur Versorgung der Kinder nur auf, oder trauen wir ihnen die Erziehung auch zu und sind tatsächlich bereit, in Fragen von Ernährung, geeigneter Kleidung, Computerspiel-Konsum und Schlafenszeit die Väter einfach machen zu lassen?

Nur wer bei diesen entscheidenden Punkten auch bereit ist zu springen, kann Beruf und Familie egalitär aufteilen. Das muss längst nicht für alle die anzustrebende Lebensweise sein. Im Gegenteil: Die Rollenverteilung in einer Beziehung sollte den beiden Menschen entsprechen, um die es geht, und nicht dem Zeitgeist. Entscheidend sind die Freiheit, die Chancen und das gesellschaftliche Selbstverständnis, die Balance von Karriere und Privatem unabhängig zu bestimmen.¹

Im internationalen Vergleich erreichen Frauen Führungspositionen durchschnittlich 1,4 Jahre schneller als Männer und sind tendenziell jünger, wenn sie in die Führungsebene gelangen. Insgesamt schaffen es allerdings weiterhin deutlich weniger Frauen an die Spitze als Männer – und Frauen haben für diesen Aufstieg auch ein sehr viel kürzeres Zeitfenster als ihre männlichen Kollegen. Das ergab der Bericht „A Quantum Leap for Gender Equality – For a Better Future at Work for All“ der anlässlich des Weltfrauentags 2019 von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Zusammenarbeit mit LinkedIn veröffentlicht wurde. Der Bericht untersucht basierend auf LinkedIn Daten die Karrierewege von Männern und Frauen in den USA, Indien, Deutschland, Italien und Norwegen.

Frauen gelangen schneller in Führungspositionen als Männer, sind aber zahlenmäßig unterlegen.

In sämtlichen untersuchten Ländern zeigt sich das gleiche Muster. Frauen brauchen weniger lange, um eine Führungsposition zu erreichen. In Deutschland beträgt die Zeit durchschnittlich 7,7 Jahre, wohingegen Männer 9,0 Jahre brauchen. Analysen der ILO zeigen zudem, dass Frauen tendenziell jünger sind, wenn sie in Führungspositionen gelangen. Gleichzeitig wird ersichtlich, dass es nach wie vor deutlich weniger Frauen als Männer in eine Spitzenposition schaffen.

„Unser Report zeigt erschreckend deutlich, wie schwer es für Frauen ist, sich am Arbeitsmarkt durchzusetzen und in Führungspositionen aufzusteigen – nicht nur in Deutschland, sondern überall“, sagt Kristin Keveloh, Managerin Economic Graph von LinkedIn DACH. „Dass Frauen schneller in Führungspositionen aufsteigen, ist nur ein kleiner Lichtblick in einer weiterhin schlechten Grundsituation, die zeigt, dass wir von Chancengleichheit noch weit entfernt sind.“

Frauen haben weniger Zeit, um in eine Führungsposition zu gelangen. Wie die Untersuchung ebenfalls ersichtlich macht, haben Frauen ein sehr viel kleineres Zeitfenster als Männer, um auf der Karriereleiter nach oben zu klettern. Die Chancen hierfür sind im ersten Jahrzehnt ihrer beruflichen Laufbahn am höchsten: Für jede Frau in Deutschland, die in den ersten zehn Jahren ihrer Karriere eine Führungsposition erreicht hat, zählen wir im Schnitt 3,1 Männer, im zweiten Jahrzehnt sind es bereits 3,8 und ab dem dritten Jahrzehnt 4,2 Männer. Der Grund für dieses sehr viel kleinere Zeitfenster für den Aufstieg lässt sich in der Familiengründung vermuten. Die Zeit der Mittzwanziger bis Mittdreißiger ist sowohl für die Entwicklung des beruflichen Werdegangs als auch in der Familienplanung eine entscheidende Zeit.

„Geschlechtergleichgewicht und die Gleichstellung von Mann und Frau kann nur erreicht werden, wenn bestehehnde Hindernisse verstanden und Maßnahmen ergriffen werden, welche Frauen die gleichen Möglichkeiten zur Karrierentfaltung geben, die auch Männern zur Verfügung stehen“, so Keveloh. „Um Fortschritte zu erzielen, ist es wichtig, nicht mehr von einer einzigen ‚Gender Gap‘ zu sprechen, sondern vielmehr auf die einzelnen ‚Gender Gaps‘ und ihre Hintergründe hinzuweisen, die in unserer Gesellschaft nach wie vor Bestand haben.“²

¹Rheinische Post ²LinkedIn Deutschland, Österreich, Schweiz – Hotwire Public Relations Germany GmbH

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