Tag der Arbeit – Welcher Arbeit?

Das Bildungs- und Teilhabepaket entpuppt sich offenbar als krasser Fehlschlag

Tag der Arbeit – Welcher Arbeit?

Als Arbeit wird meist eine zielgerichtete menschliche Tätigkeit zum Zwecke der Existenzsicherung bezeichnet. Sie ist die tätige Auseinandersetzung mit der vom Menschen geschaffenen Welt und damit ein Grundphänomen menschlicher Existenz überhaupt. Durch Johann Calvin (1509-1564) beginnt eine Aufwertung der Arbeit, die in ein „Arbeits-Ethos“ übergeführt wird und damit eine der „geistigen“ Grundlagen der Industriellen Revolution wird.

Arbeitswelt und digitale Revolution

Die heutige ökonomische, politische und soziale Struktur ist inkompatibel mit dem Stand der Technologie und den daraus resultierenden gesamtgesellschaftlichen Veränderungen. Die fortschreitende Digitalisierung führt unter den jetzigen Bedingungen zu einer Verlagerung von Arbeit zu Kapital. Immer mehr Arbeitsplätze werden durch die Digitalisierung in automatisierte, computergesteuerte Prozesse umgewandelt. Im Gegensatz dazu sind weite Teile der sozialen Sicherungssysteme immer noch auf dem Stand der 1970er Jahre.

Die Digitalisierung verursacht einen dramatischen Wandel in der Arbeitswelt. Das bisher selbstverständliche Modell der Erwerbsarbeit, bei dem sich der Großteil der Menschen als abhängig Beschäftigte in stabilen Arbeitsverhältnissen betätigt, wird auf den Kopf gestellt.

Der digitale Wandel eröffnet aber auch eine kreativere Arbeitswelt abseits des starren und eintönigen Arbeitsmodells der späten Industrialisierung. Gleichzeitig wird die Besteuerung des Faktors Arbeit nicht mehr ausreichen, um die nötigen Mittel für eine lebenswerte Welt mit sozialer Teilhabe bis ins hohe Alter zu gewährleisten. Der Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit muss nun eine von Lebensunterhalt und Arbeit folgen.

Geschichtlicher Rückblick

Bei Karl Marx ist der Begriff der Arbeit ein Schlüsselbegriff seiner Kritik der politischen Ökonomie. Menschliche Arbeit, nicht Kapital, Zins, Boden ist der eigentlich Wertschöpfer und damit der Wertmaßstab des Produktivergebnisses. Die sich herausbildende Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit oder – wie es in den U.S.A. heißt „white an blue collar worker“ war zugleich das entscheidende Kriterium der Differenz sozialer Schichten (Klassen) in der Gesellschaft, in dem prinzipiell die meisten arbeiten müssen um ihren Lebensunterhalt zu sichern.

Die Form, Qualifikation und Gratifikation (Entlohnung der Arbeit, bzw. des Berufes) der Tätigkeit und des Besitz bzw. Nicht-Besitzes von Produktivmitteln war daher ein wichtiger Faktor in der Schicht-Bildung. Unter dem Einfluss neuer Technologien haben sich die Qualifikationsstrukturen sehr gewandelt. Wandel erfolgt auch in der Auffassung von Arbeit als Beruf, Job oder Profession in allen Bereichen der Arbeitswelt. Dies gilt ebenso für Tätigkeiten in Kunst, Wissenschaft und Staat, die einmal als „Nicht-Arbeit“ galten. Sie haben zwischenzeitlich den Beigeschmack von Müßiggang – Muße-Beschäftigung – verloren. Vielmehr ist es so, dass sich gerade in diesen Berufen heute erhebliche Belastungen „Stress-Situationen“ finden.

Ausblick: Digitale Gerechtigkeit

Digitale Gerechtigkeit sorgt für ökonomische Sicherheit bei den Betroffenen des digitalen Wandels. PIRATEN setzen sich deshalb für die Einführung eines Grundeinkommens ohne Bedürftigkeitsprüfung ein, das alle wesentlichen Transferleistungen vereint. Damit kann massiv Bürokratie abgebaut werden, zudem können die Sozialbehörden auf das Sammeln von Daten verzichten. Gastbeitrag von Dr. Angelika Brinkmann, Direktkandidatin der PIRATEN im Wahlkreis 80 (Charlottenburg-Wilmersdorf) – Piratenpartei Deutschland

Das Bildungs- und Teilhabepaket entpuppt sich offenbar als krasser Fehlschlag

Das Bildungs- und Teilhabepaket für Kinder aus einkommensschwachen Familien ist offenbar ein krasser Fehlschlag. Neuen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zufolge nehmen nicht einmal zehn Prozent der Kinder von Hartz-IV-Empfängern die ihnen zustehenden Leistungen für kulturelle und soziale Teilhabe in Anspruch. Das berichtet die in Essen erscheinende Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ, Freitagausgabe). Die betroffenen Kinder könnten damit Musik- und Kunstunterricht außerhalb der Schule bezahlen oder die Mitgliedschaft in Sportvereinen.

Das Bildungs- und Teilhabepaket der Bundesregierung wurde im April 2011 als Teil des „Hartz IV-Kompromisses“ eingeführt, nachdem das Bundesverfassungsgericht im Jahr zuvor festgestellt hatte, dass die Regelsätze von Hartz IV – besonders für Kinder und Jugendliche – zu niedrig ausfielen. Das Teilhabe-Paket ist für das Essen in Schulen und Kitas gedacht, für Schulausflüge und Nachhilfe sowie für Sport und Kultur außerhalb der Schule. Die Unterstützung muss von den Betroffenen bei ihrer Stadt beantragt werden.

Professor Holger Noltze vom Rat für Kulturelle Bildung in Essen, der die Zahlen abgerufen hat: „Bundesweit liegen Beträge im dreistelligen Millionenbereich brach. Allein in Nordrhein-Westfalen gehen pro Jahr 58 Millionen Euro für die Teilhabe von Kindern und Jugendlichen verloren. Das Bildungs- und Teilhabepaket muss von der kommenden Bundesregierung grundlegend reformiert werden.“

Der Rat für Kulturelle Bildung, hinter dem die Mercator-, die Bertelsmann- und fünf weitere Stiftungen stehen, weist zudem auf die horrenden Bürokratie-Kosten des Teilhabepakets hin: Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales habe festgestellt, dass zu den Kosten der Behörden von 14,7 Millionen Euro noch weitere 11 Millionen auf Seiten von Musikschulen und Vereinen kommen. Diesen 25,7 Millionen Verwaltungskosten monatlich stehen im gleichen Zeitraum gerade einmal 28,7 Millionen Euro gegenüber, die bei den Kindern ankommen.

Dabei gibt es vereinzelt bereits Ansätze zu Verbesserungen: Die Städte Hamm und Münster sowie der Kreis Steinfurt haben Chip-Karten eingeführt, mit denen die Kinder Nachhilfe-, Kultur- und Sportangebote unbürokratisch wahrnehmen können – hier werde das bereitstehende Geld zu etwa 50 Prozent genutzt, so der Rat für Kulturelle Bildung; dem stünden andernorts Quoten von gerade mal vier bis fünf Prozent gegenüber. Westdeutsche Allgemeine Zeitung

Im Teufelskreis von Armut und Benachteiligung

So sieht ein echtes Armutszeugnis aus! Da werden zig Millionen bereitgestellt, damit Kinder aus Hartz-IV-Familien an Bildung, Kultur und Sportangeboten teilhaben können – und knapp die Hälfte der Mittel versickert in der Bürokratie. Abgesehen davon ist das Paket so kompliziert aufgelegt, dass viele Eltern kaum imstande sind, die Anträge auszufüllen, wenn sie denn überhaupt wissen, dass der Staat die Gebühren für den Sportverein oder die Musikschule bezuschusst. So stehen Mädchen und Jungen aus armen Familien draußen vor der Tür, wenn andere Klavierunterricht erhalten, kicken oder mit Nachhilfe für die Schule fit gemacht werden. Besser und direkter als diese staatliche Hilfe funktionieren die zahlreichen bürgerschaftlichen Initiativen wie „Jeder Schüler ins Theater“.

Dabei wird mit privatem Geld, meist aufgebracht von den Fördervereinen von Museen und Bühnen, Schulen unbürokratisch der Zugang zu Kultur ermöglicht – man holt die Kinder dort ab, wo sie ohnehin schon sind, und die Eltern brauchen sich nicht zu kümmern. Grundsätzlich darf man sich fragen, ob es nicht in jedem Fall sinnvoller wäre, Teilhabe-Fördermittel über die Schulen zu verteilen, weil man die Kinder dort leichter erreicht als im Elternhaus und weil sie in diesem Rahmen ihre Wünsche besser artikulieren können. An Bedeutung sind solche Angebote kaum zu überschätzen. Teilhabe ist der Schlüssel, um aus dem Teufelskreis von Armut und sozialer Benachteiligung auszubrechen. Theater, Musik, Kunst, Bücher eröffnen genau die Welten und Freiräume, die Kinder für eine positive Entwicklung ihrer Seele, aber auch im Sinne der Demokratie, brauchen und für die sie im Elternhaus oft keine Ansprechpartner finden. Monika Willer – Westfalenpost

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