Tui kritisiert Mallorca-Reisewarnung als übertrieben

SPD-Gesundheitspolitiker Lauterbach rechnet mit vielen infizierten Mallorca-Heimkehrern

Tui kritisiert Mallorca-Reisewarnung als übertrieben

Der SPD-Gesunheitspolitiker Karl Lauterbach begrüßt die Entscheidung des Auswärtigen Amts, für Spanien und die Balearen eine Reisewarnung auszusprechen. „Mallorca ist inzwischen klar ein Risikogebiet“, sagte der Leverkusener Bundestagsabgeordnete der Düsseldorfer „Rheinischen Post“. Lauterbach warnte: „Wir müssen leider mit vielen infizierten Rückkehrern rechnen. Daher sind Testungen nach der Rückkehr unbedingt notwendig.“ Reisewarnungen werden diskutiert, wenn in einzelnen Regionen anderer Staaten mehr als 50 neue Corona-Fälle pro 100.000 Einwohner über einen Zeitraum von sieben Tagen am Stück gezählt werden.Deutschlands größter Tourismuskonzern Tui hält die am Freitag verhängte Reisewarnung für ganz Mallorca für falsch. Das sagte Thomas Ellerbeck, der für Politik und Kommunikation zuständige Manager des Konzerns.

Die Reisewarnung für Spanien führt zu seltsamen Reaktionen. Manche Veranstalter handeln nach dem Motto „Stell dir vor, Mallorca ist gefährlich, aber keinen interessiert es“ und bieten weiter Urlaub an. Außenminister Maas liefert mit dem Satz, eine Reisewarnung sei kein Reiseverbot, die Rechtfertigung für das Verhalten. Gewiss: Die Touristik gehört zu den Branchen, die am schwersten von der Pandemie getroffen sind. In vielen Bereichen hat man Wege gefunden, mit Corona zu leben. Reisen und Events bleiben riskant. Daher hat der Staat Rettungsschirme aufgespannt, unter die Tui und Lufthansa auch bereits geschlüpft sind. Im Gegenzug können Kunden Fairness erwarten: Airlines sollten keine Reise anbieten, um Anzahlungen zu kassieren – und kurz vor dem Start abzusagen. Veranstalter sollten Kunden bei Absagen nicht mit Gutscheinen hinhalten, wenn sie – was ihr Recht ist – lieber Bargeld sehen wollen. Aber auch die Urlauber sollten sich fragen, ob sie die Warnungen einfach in den Wind schlagen. Die Infektionsstatistik spricht eine klare Sprache.

Das alles ist aber kein Grund, nun über die Kosten von Corona-Tests zu diskutieren, die aus gutem Grund der Steuerzahler trägt. Natürlich sind Party-Urlauber, die das Virus erst am Ballermann verbreiten und dann nach Deutschland mitbringen, ein Ärgernis. Doch was soll das kleinliche Feilschen über das Geld, wie es einzelne FDP- und SPD-Politiker nun veranstalten? Ein Test kostet rund 40 Euro und kann viele Ansteckungen verhindern. Und das muss das vorrangige Ziel der Politik sein, um eine zweite Welle zu verhindern. Es ist nicht im Interesse der Gesellschaft, dass Reiserückkehrer den Test umgehen, nur weil sie nicht zahlen wollen. Das ist gut investiertes Geld vom Staat. Jetzt ist nicht die Zeit, um über Selbstbeteiligung im Gesundheitswesen zu debattieren.

„Wir bedauern, dass Deutschland nun eine Reisewarnung für ganz Mallorca ausgesprochen hat. Besser wäre eine regionale Reisewarnung für Palma, Magaluf oder andere Orte mit erhöhten Fällen gewesen“, sagt er. Er ergänzt: „Die meisten Urlauber sind sehr verantwortungsvoll und halten sich an die Regeln.“ Die pauschale Warnung sei auch deshalb fragwürdig, weil große Teile der Insel von der Pandemie nur minimal betroffen seien. Es habe in keinem Hotel der Tui in Mallorca einen Vorfall gegeben. Der Konzern und auch der Deutsche Reiseverband (DRV) erklärten, sie hofften auf ein baldiges Ende der Reisewarnung.¹

Und doch hat der Verlauf der Krise im Land etwas Zwangsläufiges. Denn Spanien wird seit Jahren von anhaltenden Streitereien der politischen Lager gebeutelt, die eine konsistente und berechenbare Politik verhindern. Eine Neuwahl jagte die nächste. Premier Sanchéz gilt als schwach. Korruption ist weit verbreitet und reicht bis ins Königshaus. Aktuell ist zu beklagen, dass funktionierende Strukturen zur Nachverfolgung von Infektionsketten auch nach dem Schock im Frühjahr nicht geschaffen wurden. Stattdessen wurde der radikale Lockdown umso radikaler wieder aufgehoben – in erster Linie mit Rücksicht auf den Tourismussektor, dessen ökonomische Bedeutung für Spanien überragend ist. Es zeigt sich: Wer zu früh lockert, vergrößert die Misere.²

¹Antje Höning – Rheinische Post ²Mitteldeutsche Zeitung

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