Verdrängtes Risiko Kernenergie

Tschernobyl Nuklearkatastrophe vor 30 Jahren

Verdrängtes Risiko Kernenergie

Angesichts der Bedeutung der Kernenergie könne die Welt einen Unfall vom Ausmaß Tschernobyls pro Jahr ertragen. So sprach Hans Blix, der frühere Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde, nach der Reaktorkatastrophe vor 30 Jahren. Ein nuklearer GAU alle zwölf Monate schadet also nicht – dieser Zynismus ist angesichts des Leids der Tschernobyl-Opfer aus heutiger Sicht schwer zu überbieten.

Atomkraft, nein danke

Dass Blix später Berater beim schwedischen Energiekonzern Vattenfall wurde, der die Bundesregierung wegen des Atomausstiegs dann auf Schadensersatz verklagte, stellt da nur noch eine böse Ironie am Rande dar. Zumindest in Deutschland würde Blix für seinen dummen Spruch inzwischen zum Teufel gejagt. Denn Tschernobyl bedeutete eine scharfe Zäsur in der öffentlichen Wahrnehmung. Nach dem 26. April 1986 war es jäh vorbei mit dem blinden Glauben daran, dass die Technik alle Risiken der Kernkraft beherrschen könnte. Der Nuklearunfall gab einen enormen Impuls für die Anti-Atom-Bewegung, er war eine wichtige Triebfeder für den Widerstand gegen die WAA in Wackersdorf – und der wichtigste Geburtshelfer der Grünen, die danach in die Parlamente einzogen. Auch politisch blieb Tschernobyl nicht völlig folgenlos.

Zwar dachte die damalige Kohl-Regierung nicht im Traum an eine AKW-Stilllegung – aber eines muss man konstatieren: Immerhin ließ sie kein einziges neues Atomkraftwerk mehr bauen. Dass dies alles andere als selbstverständlich ist, zeigt der Blick in unsere Nachbarländer. Der Atomstaat Frankreich ist mit Kernkraftwerken regelrecht zugepflastert. Direkt am Rhein grüßt täglich der Pannenmeiler Fessenheim als Denkmal für das nukleare Restrisiko über die Grenze. In Belgien stehen Uralt-AKW, die offenbar von Islamisten als Terrorziele ausgespäht wurden. Die Schweizer haben vier Kernkraftwerke, von denen zwei älter als 45 Jahre sind. Und direkt vor unserer ostbayerischen Haustüre befindet sich der Hochrisikoreaktor Temelin, dessen Sicherheitsausstattung nach Einschätzung deutscher Experten haarsträubend ist.

Ein GAU dort – und große Teile der Oberpfalz und Niederbayerns wären Evakuierungszone. Wer immer noch nicht genug hat von der Atomkraft, dem sei die Lektüre von Studien über erhöhte Krebsrisiken von Kindern in der Nähe deutscher AKWs empfohlen. Darüber hinaus stellt die ungeklärte Endlagerung des Atommülls eine Herausforderung dar, die noch für große Probleme und viel Streit sorgen wird. Das einzig Nachhaltige an der Kernkraft ist der radioaktive Abfall, der zukünftigen Generationen bleibt. Den endgültigen Beweis für das Scheitern der Atomkraft lieferte die nukleare Katastrophe in Fukushima – genau 25 Jahre nach Tschernobyl kam es zum GAU im Hightech-Superland Japan. Doch nur Deutschland hat darauf mit einem Atomausstieg reagiert. In vielen anderen Industrienationen erlebt die Kernkraft dagegen eine Renaissance.

Rund um den Globus sind neue AKW in Planung oder im Bau – von den USA über Frankreich, Großbritannien und Russland bis nach China und Japan. Das bedeutet nicht, dass die Bundesregierung mit der Energiewende auf dem Holzweg ist. Es ist richtig, dass sich Deutschland von einer Technologie verabschiedet, die mit so vielen Risiken für die Bevölkerung verbunden ist. Man stelle sich nur vor, der nächste atomare GAU würde sich mitten in Bayern ereignen – in Gundremmingen oder im AKW Isar 2. Diese Regionen mit ihren florierenden Wirtschaftsstandorten sind zehnmal so dicht besiedelt wie nördliche Ukraine.

Die Regierungen anderer Länder vertreten offenbar die Ansicht, dass Unfälle wie in Tschernobyl oder Fukushima vertretbar sind – zumindest einer pro Vierteljahrhundert. Es ist gut, dass sich Deutschland aus der Reihe dieser Nuklear-Zyniker verabschiedet hat, indem auch die Bundeskanzlerin sagt: Atomkraft, nein danke. Den Orden dafür hat aber nicht allein Angela Merkel verdient, sondern mehrere Generationen von Atomgegnern. Ohne ihren Widerstand – von Gorleben bis Wackersdorf – hätte es die Energiewende nicht gegeben. Stefan Stark, Mittelbayerische Zeitung

Das ukrainische Atomkraftwerk verursachte eine radioaktive Wolke über Europa

Zehntausende Menschen sind bis heute durch die radioaktive Verseuchung gestorben. 65 Mio. Menschen wurden verstrahlt. Trotz Energiewende ist die Gefahr nicht gebannt, und die Risiken der Atomkraft bedrohen uns und unsere Kinder weiterhin. Aktuell greift in NRW ein Katastrophenschutzplan, denn große Gefahr geht aus von den Meilern in Belgien und Niedersachsen. Jodtabletten für den Ernstfall werden verteilt, ein Krisenstab für den Notfall steht bereit. Kinder und Schwangere sind die Ersten, die im Unglücksfall mit Jodtabletten versorgt werden sollen. Nach Hause fahren, sich in geschlossenen Räumen aufhalten und Fenster und Türen geschlossen halten. An den Verhaltenstipps hat sich in den vergangenen 50 Jahren nichts geändert. Denn wirklichen Schutz im Falle eines Nuklearunglücks gibt es nicht. Außer: rechtzeitig abschalten!

Was haben wir gelernt in den letzten 30 Jahren? Sicher eine ganze Menge. Vieles entwickelt sich in die richtige Richtung, die Erneuerbaren Energien sind auf dem Vormarsch und E.ON und RWE auf dem absteigenden Ast. Aber abgeschaltet sind einige bedrohliche Meiler noch immer nicht. Insbesondere diejenigen nicht, die sogar als beschädigt und somit lebensgefährlich gelten. Das belgische AKW Thiange ist nach längerer Stilllegung wegen Sicherheitsbedenken, unter anderem auf Grund von Rissen im Reaktor, kürzlich wieder ans Netz gegangen. Der Reaktor im belgischen Doel soll das gleiche Problem haben. Seitens des Betreibers Electrabel wurde jedoch abgewiegelt, die Haarrisse würden die Sicherheit des Reaktors nicht beeinträchtigen. Es fehlte nur noch der zynische Hinweis, dass man zu Risiken und Nebenwirkungen seinen Arzt oder Apotheker befragen solle.

Alfred Platow, Vorstandsvorsitzender der ÖKOWORLD AG, klagt an: „Eine Nuklearwolke aus dem beschädigten belgischen Atommeiler Thiange wäre in drei Stunden in Aachen und könnte dann weiterziehen nach Köln, Düsseldorf und in das Ruhrgebiet. Grenznah zu Niedersachsen befinden sich die Kernkraftwerke Emsland und Grohnde. Für den Notfall sind in NRW 10 Mio. Jodtabletten eingelagert, und ein Krisenstab inklusive mobiler Dekontaminationscontainer steht bereit. Dadurch wird aber im Ernstfall weder eine Panik vermieden, noch wird es vor der radioaktiven Strahlung und den verheerenden Folgen schützen. Zusätzlich zur generell und bundesweit nicht gelösten Atommüllentsorgung werden hier bewusst und leichtfertig das Menschsein und unsere Gesundheit aufs Spiel gesetzt. Wollen wir ein zweites Tschernobyl passend zum Jahrestag provozieren und ein neues Fukushima noch dazu?“ Gunter Schäfer

30 Jahre nach Tschernobyl: Der schwere Kampf gegen die Strahlung

DasParlament

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