Wie geht es ihr? – Gesundheit der Kanzlerin

Gesundheit ist Macht

Wie geht es ihr? – Gesundheit der Kanzlerin

Wie öffentlich ist die Krankheit eines Spitzenpolitikers? Ist diese als Privatsache zu behandeln? Oder darf, soll, muss darüber berichtet werden? Wenn ja, wie ausführlich? Diese Fragen stellen sich immer, wenn Politiker – übrigens auch andere in der Öffentlichkeit stehende Personen – gesundheitliche Probleme haben. Sie müssen stets auf den jeweiligen Fall bezogen und nach reiflicher Überlegung beantwortet werden, weshalb sich reißerische Spekulationen verbieten. Im Fall der Bundeskanzlerin fällt die Antwort aber eindeutig aus. Zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit hat die Frau, die das wichtigste politische Amt im Land bekleidet, öffentlich einen Zitteranfall erlitten; warum, ist nicht klar. Es ist deshalb absolut legitim, ausführlich zu berichten und zu fragen, wie es Angela Merkel tatsächlich geht – und ob sie noch in der Lage ist, ihr Amt auszuüben.

Ganz wichtig: Dabei schwingt die große Sorge mit um eine Frau, die sich aufgeopfert hat für ihre Arbeit und ihr Land. Das muss sehr deutlich betont werden in einer Zeit, in der es hämische, bösartige, menschenverachtende Kommentare zum Zittern der Kanzlerin hagelt. Von Leuten, die körperlich keine Arbeitswoche im Leben eines Spitzenpolitikers durchhalten würden und intellektuell keine fünf Minuten. Denn Spitzenpolitiker zu sein, kann ein Höllen-Job sein – immer auf Hochtouren, immer in der Kritik, und das immer in aller Öffentlichkeit. Wie lange Angela Merkel ihrem Job noch gewachsen ist, kann am Ende nur sie selbst beantworten. Es ist ihr zu wünschen, dass sie am besten weiß, was sie sich noch zumuten kann und sollte.¹

Wenn man sieht, wie die Bundeskanzlerin beim G20-Treffen in Japan den US-Präsidenten allein mit ihrer Mimik auf Distanz hält, dann braucht man sich eigentlich keine Sorgen um Angela Merkel machen. Eigentlich. Seit den beiden Zitteranfällen bei öffentlichen Anlässen ist der Gesundheitszustand der Regierungschefin zum Thema geworden. Ob Erschöpfung oder Krankheit: Die Bilder der zitternden Kanzlerin sollten einen in erster Linie mit Sorge erfüllen – Sorge um die Gesundheit einer Frau, die seit 14 Jahren ein Pensum wie kaum ein anderer Mensch in Deutschland erfüllt. Und hier ist das Mitgefühl unabhängig davon, ob man jede politische Entscheidung Merkels für richtig hält. Fragen nach ihrer körperlichen Verfassung lässt sie sich gar nicht erst stellen.

Ihre Antwort: einmal Japan und zurück, 22 Stunden Flug, etwas mehr als einen Tag in Tokio, sieben Stunden Zeitverschiebung, dann direkt zum EU-Gipfel nach Brüssel. Alles wie immer, anstrengend wie immer. Die Kanzlerin schont sich nicht, weil sie sich im Moment nicht schonen kann. In diesen Tagen steht zu viel auf dem Spiel. Dabei ist der G20-Gipfel nicht ihr wichtigster Termin. In Brüssel geht es am Sonntag um die Vergabe der Spitzenposten bei der Europäischen Union (EU). In der Verlosung sind Kommissionspräsident, Außenbeauftragte, Präsident der Europäischen Zentralbank, Ratspräsident und Parlamentspräsident. Nun gerät Angela Merkel ohnehin nicht in den Verdacht, in Personalangelegenheiten besonders gewieft vorzugehen.

Den Spitzenkandidaten der Union für das Amt des EU-Kommissionspräsidenten, Manfred Weber von der CSU, hat sie schon fast aufgegeben. Sollte die Kanzlerin nicht mindestens den Bundesbank-Präsidenten Jens Weidmann zum EZB-Chef machen, sondern für den größten EU-Staat bloß den Posten der EU-Außenbeauftragten für Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) herausholen, dann hieße es: Merkel hat schlecht verhandelt und sich nicht durchgesetzt, weil ihr Gesundheitszustand es nicht zuließ; zumal EU-Ratspräsident Donald Tusk bereits angekündigt hat, dass die Sitzung der Staats- und Regierungschefs wohl bis Montagmorgen dauern werde. Schlaflose Nächte gehören dazu, wenn es um viel geht. Politik ist ein hartes Geschäft. Und ein zynisches. Schwächen werden ausgenutzt, Rücksichtnahme hält sich in Grenzen.

Gesundheit ist Macht. Verfällt die Gesundheit, verfällt die Macht. Die Kanzlerin weiß das. Es dürfte sie zusätzlich unter Druck setzen. Und Druck tut ihr jetzt gewiss nicht gut. Nur Angela Merkel selbst und ihre Ärzte können beurteilen, wie es ihr geht. Jede Ferndiagnose medizinischer Laien ist unseriös. Und jede hämische Bemerkung unanständig.²

¹Christian Matz – Allgemeine Zeitung Mainz ²Westfalen-Blatt

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