Armutszeugnis Atommüllendlagersuche

Suche nach Atomendlager: Bayerische Extrawurst

Armutszeugnis Atommüllendlagersuche

Obwohl in Bayern das erste deutsche Atomkraftwerk ans Netz ging und der Freistaat jahrzehntelang so sehr wie kaum ein anderes Bundesland an der Kernenergie hing, sollen den gefährlichen Müll gefälligst andere verwahren. Dabei hatte Bayern das Verfahren für die Endlagersuche 2017 mitbeschlossen. Die BGE setzt nur den Aufgabenkatalog um, den Bundestag und Bundesrat geschrieben haben. Ein unabhängiges Begleitgremium prüft stichprobenartig, die Öffentlichkeit wird beteiligt. Mehr Transparenz geht eigentlich nicht. Vor dem Hintergrund wird die Kritik aus Bayern zur verantwortungslosen Zündelei. Sie kann die Hoffnung zerstören, nach dem Skandal um Gorleben mit einem neuen Suchverfahren das Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen.¹

Atomare Wahrheiten

Die „weiße Landkarte“ für die Atommüll-Endlagersuche hat etwa 200000 Quadratkilometer große Flecken für einen möglichen Standort bekommen. Der Ausschluss Gorlebens gleich in der ersten Runde ist nachträglich ein bitteres Armutszeugnis für die politische Entscheidung der 1970er Jahre, dort gegen alle Warnungen ein Endlager durchzusetzen. Der Salzstock weise ein zu lockeres Deckgebirge auf, auch die Gewässerchemie spreche gegen den Standort, heißt es jetzt. Damit ist das Symbol der Anti-AKW-Bewegung von der Karte möglicher Endlager getilgt worden. Entschieden ist damit nichts, immerhin steht mehr als jeder zweite Quadratkilometer noch auf der Liste.

Das Beispiel Gorlebens zeigt, welchen politischen Schaden eine frühe Festlegung anrichten kann. So zerstört auch der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der sein Heimatland gleich mal mehr oder weniger ausschließt, das Vertrauen in das Auswahlverfahren. Dass letztlich der Bundestag entscheidet, erscheint folgerichtig. Denn wissenschaftlich bleiben zu viele Fragen offen. Jedes Gestein hat Vor- und Nachteile für die Lagerung des radioaktiven Mülls. Ob es überhaupt ein sicheres Endlager für eine Million Jahre geben kann, kann niemand sagen. Allein die Vorhersagen, wo und mit welchem Volumen Wasser in einigen Tausend Jahren fließen wird, sind höchst spekulativ. Das Atomzwischenlager Asse, wo eindringendes Wasser das Salzgestein aufgelöst hat, ist ein warnendes Beispiel. Aber die Unsicherheit befreit niemanden aus der Verantwortung für den bereits in unserem Land angehäuften Atommüll. Nur gut, dass vom Jahr 2022 an kein neuer radioaktiver Müll hinzukommt.²

Ausgerechnet ein nachgewiesener Atomkraftgegner hat es am treffendsten formuliert: Man kann gegen Atomkraft sein, nicht aber gegen Atommüll, sagt Jochen Stay von der Organisation „.ausgestrahlt“. Das stimmt. Der radioaktive Abfall ist in der Welt und muss möglichst sorgsam verwahrt werden. Die oberirdischen Zwischenlager an den Kernkraftwerken, die bisher bundesweit als Depots dienen, erfüllen diesen Zweck in den nächsten eine Million Jahren sicher nicht. Die Hallen taugen nur für eine begrenzte Übergangszeit, auch wenn der Müll unter dem dicken Gußeisenmantel der Castoren vorerst strahlungssicher weggeschlossen ist. Es braucht einen besseren Ort für bundesweit insgesamt rund 1900 Behälter. Exakt darum geht es in dem Endlagersuche-Verfahren, das jetzt die erste Hürde genommen hat und 2031 mit einer gerechten Entscheidung enden soll.
Es ist keine wirkliche Überraschung, dass bei der bundesweiten Suche auch Standorte in Bayern im Rennen geblieben sind – es überrascht nur, wie flächendeckend der Freistaat weiter zur Debatte steht und dass Gorleben ausgeschieden ist. Die BGE widerlegt CSU und Freie Wähler, die sich vorab so sicher zeigten, dass unter weiß-blauem Himmel nur schlechte Standorte zu finden sind. Das schnelle Nein aus Bayern, im Koalitionsvertrag der beiden Regierungsparteien niedergeschrieben, hat nichts genützt, sondern eher geschadet. Es hat Argwohn in anderen Bundesländern geschürt. Es kursierte sogar, der Freistaat habe für das Verfahren nicht alle nötigen Geodaten geliefert. Das ist natürlich Quatsch – aber irgendwie auch selbst eingebrockt.
Ehrlicherweise ticken in Sachen Endlager aber alle wie die Bayern. Niemand ist scharf darauf. Überall wird sich massiver Protest regen. Im Freistaat klettert nicht nur die ÖDP auf die Barrikaden. Kommunalpolitiker wappnen sich. Komplettblockaden wären allerdings der falsche Weg. Irgendwo in Deutschland wird bis 2031 der im Vergleich sicherste Standort gefunden sein. Sollte Bayern bei künftigen Auswahlschritten im Fokus bleiben, wäre das bitter. Niemand müsste das klaglos hinnehmen. Doch jede Standortempfehlung muss zumindest ernsthaft und sachlich diskutiert werden.³

¹Barbara Schmidt – Badische Zeitung ²Karl Schlieker – Allgemeine Zeitung Mainz ³Christine Schröpf – Mittelbayerische Zeitung

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