Rente mit 67: Längere Lebensarbeitszeit birgt sozialpolitische Risiken, die abgefedert werden müssen

Negativzinsen belasten Rentenversicherung mit netto 54,5 Millionen Euro 2018

Rente mit 67: Längere Lebensarbeitszeit birgt sozialpolitische Risiken, die abgefedert werden müssen

Negativzinsen belasten zunehmend auch deutsche Sozialversicherungen und staatliche Fonds. Allein die Rentenversicherung verlor dadurch im vergangenen Jahr netto 54,5 Millionen Euro. Das geht aus der Antwort des Bundesfinanzministeriums auf eine kleine Anfrage der FDP-Fraktion hervor, die der Düsseldorfer „Rheinischen Post“ (Freitag) vorliegt. Der Gesundheitsfonds der gesetzlichen Krankenversicherung verbuchte demnach negative Erträge von netto 9,2 Millionen Euro. Auch der Ausgleichsfonds der Pflegeversicherung machte ein Minus von sechs Millionen Euro.

Wegen der andauernden Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) haben viele Banken Negativzinsen für Geldkonten eingeführt. Leidtragende sind private Kunden und Unternehmen, aber auch der Staat. Denn die Rücklagen der Rentenversicherung und auch die Gelder von Staatsfonds liegen auf Bankkonten. Die vom Bundesfinanzministerium in seiner Antwort aufgelisteten Verluste sind Netto-Beträge, weil Aufwendungen durch Negativzinsen mit Zinserträgen der Fonds an anderer Stelle verrechnet werden. Auch 2017 hatte die Rentenversicherung der Antwort zufolge netto 9,5 Millionen Euro Verlust durch Negativzinsen eingefahren.

Brutto hatte sie sogenannte negative Vermögenserträge von 49 Millionen Euro verbuchen müssen, wie zuerst das „Handelsblatt“ im Sommer 2018 berichtet hatten. „Draghis Nullzinspolitik hat zunehmend negative Folgen für die Sozialversicherungen in Deutschland“, sagte der FDP-Politiker Frank Schäffler.¹

Seit 2012 wird die Regelaltersgrenze stufenweise von 65 Jahren auf 67 angehoben. Dieser wichtige und notwendige Schritt soll dazu beitragen, die Folgen des demografischen Wandels zu bewältigen. Simulationen am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung zeigen nun, dass eine höhere Regelaltersgrenze zwar zu einem späteren Erwerbsaustritt führt, aber auch mit großen sozialpolitischen Risiken einhergeht: Für einen Teil der Personen, die es nicht schaffen, bis 67 zu arbeiten, bedeutet ein früher Erwerbsaustritt laut den Berechnungen hohe Einkommenseinbußen.

„Gerade für Menschen, die ohnehin auf dem Arbeitsmarkt schlecht dastehen, wird es schwierig sein, sich an die neuen Altersgrenzen anzupassen. Die spätere Rente trifft also die Schwächsten am härtesten.“, beschreibt DIW-Rentenexperte Johannes Geyer eine zentrale Erkenntnis. „Am besten können sich Menschen anpassen, die in stabilen Beschäftigungsverhältnissen arbeiten, ein hohes Bildungsniveau haben und die sich guter Gesundheit erfreuen.“

Längere Lebensarbeitszeit kann zu höherer Ungleichheit beitragen

Anhand von zwei verschiedenen Arbeitsmarktszenarien haben die AutorInnen Hermann Buslei, Patricia Gallego-Granados, Johannes Geyer und Peter Haan die langfristigen sozialpolitischen Folgen der Anhebung des Regelrenteneintrittsalters anhand eines Mikrosimulationsmodells bis zum Jahr 2032 analysiert – ein Jahr, nachdem die Einführung der Rente mit 67 abgeschlossen ist.

Das tatsächliche Renteneintrittsalter wird in den kommenden Jahren nach Schätzungen des Autorenteams durchschnittlich um 1,2 bis 1,5 Jahre steigen, abhängig von der Entwicklung des Arbeitsmarktes für ältere Menschen. Für höher gebildete Personen verschiebt sich der Renteneintritt mit 1,6 bis zwei Jahren allerdings deutlich stärker als für Personen mit geringer oder mittlerer Bildung mit einem bis 1,4 Jahren.

Das liegt daran, dass die Erwerbslosigkeitsquoten unter Menschen mit geringer oder mittlerer Bildung höher sind. Das bedeutet wiederum, dass diese Menschen wenig in das Rentensystem einzahlen und einem höheren Armutsrisiko im Alter unterliegen. Dieses Risiko – das auch für weitere Gruppen, wie etwa gesundheitlich angeschlagene Personen gilt – droht sich mit der Anhebung der Altersgrenzen in den kommenden Jahren noch zu verstärken. Daher könnte die Ausdehnung der Lebensarbeitszeit, die vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung in Deutschland absolut geboten ist, zu einer stärkeren Einkommensungleichheit nach dem Renteneintritt beitragen, wenn ihre Folgen für bestimmte Gruppen nicht klug abgefedert sind.

Zukünftige Entwicklung des Risikos für Altersarmut hängt von Arbeitsmarkt und Politik ab

Insgesamt ist die Beschäftigung von Personen im Alter zwischen 55 und 64 Jahren in den letzten Jahren im Durchschnitt deutlich gestiegen. Dieser Anstieg geht jedoch vor allem auf einen längeren Verbleib im Beruf zurück; es ist nicht so, dass ältere Erwerbslose verstärkt in den Arbeitsmarkt einsteigen. Nur wenn der Arbeitsmarkt sich besonders günstig entwickelt, werden Übergänge in die Altersrente aus einer vorangegangenen Erwerbslosigkeit abnehmen. Derzeit betrifft dies rund 40 Prozent der Übergänge in die Rente.

„Einerseits muss der Arbeitsmarkt so gestaltet werden, dass es für viele Menschen möglich ist, ihre Erwerbstätigkeit lange auszuüben, zum Beispiel durch die Möglichkeit flexibler Übergänge,“ so Peter Haan, Leiter der Abteilung Staat am DIW Berlin. “Darüber hinaus muss die finanzielle Belastung von Älteren, die nicht bis 67 Jahren arbeiten können oder die wenig eingezahlt haben, durch gezielte Maßnahmen begrenzt werden. Die deutlich verbesserte Absicherung im Falle einer Erwerbsminderung war dafür ein überfälliger Schritt. Die derzeit Diskutierten Vorschläge zur besseren Absicherung bei geringem Verdienst gehen in eine ähnliche Richtung, sind allerdings nicht ganz so zielgenau. Man sollte zudem wieder Zeiten der Langzeitarbeitslosigkeit in der Rente berücksichtigen.“

„Solche flankierende Maßnahmen sind umso dringender geboten, weil gut vorstellbar ist, dass die Regelaltersgrenze in Zukunft weiter ansteigt, “ so Haan weiter.²

¹Rheinische Post ²Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin)

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