SPD-Kanzlerkandidatur: Sigmar Gabriel stellt sich – und braucht NRW

Die Grenzen des Ehrgeizes

SPD-Kanzlerkandidatur: Sigmar Gabriel stellt sich – und braucht NRW

Jede andere Entscheidung wäre eine Sensation – und zudem eine massive Schwächung des SPD-Vorsitzenden. Tritt er nicht an, kann er nicht Parteichef bleiben. Es wäre das Ende der politischen Karriere des ehrgeizigen Mannes aus Goslar, der nahezu sein ganzes Leben lang die Politik brauchte wie die Luft zum Atmen. Einst agierte er als junger Falke bei der Nachwuchsorganisation gegen alles, was irgendwie nach Establishment roch. Dann kämpfte er sich durch den niedersächsischen Landtag, saugte vom dortigen Partei-Übervater Gerhard Schröder auf, was für die spätere Laufbahn wichtig war.

Dem Altkanzler huscht noch heute ein verschmitztes Lächeln über das Gesicht, wenn er über Gabriel spricht. Da dürfte er einiges vom früheren Schröder wiedererkennen. Und auch die Rolle in der Partei ist ähnlich. Die Jusos polterten gestern erneut los, als es um die bevorstehende Kandidatur Gabriels ging. Der linke SPD-Flügel dürfte ebenfalls nicht amüsiert sein, ist Gabriel doch ein SPD-Realo, der sich auf manche Zickereien nicht mehr einlassen will. Dennoch kennt Gabriel seine Partei gut genug und weiß, dass er die internen Strömungen nicht unterschätzen darf. Wahlen werden zwar auch in Zukunft in der Mitte gewonnen, gleichwohl hat die SPD in der Vergangenheit auf traditionellen Feldern wie der sozialen Gerechtigkeit und der Armutsbekämpfung an Glaubwürdigkeit verloren. Zudem will der Spagat hin zu den Law-and-Order-Themen Innere Sicherheit und Anti-Terror-Kampf erst einmal geschafft werden.

Wenn Gabriel Ende Januar seine Kandidatur bekanntgibt, muss er den ganz großen Teil der Genossen hinter sich haben. Sie müssen für ihn kämpfen, auch wenn so mancher Wahlhelfer die Gabriel-Plakate mit spitzen Fingern aufhängen dürfte. Aber ein Wahlerfolg im Herbst, so unwahrscheinlich er auch sein mag, gelingt nur gemeinsam. Eine Binsenweisheit, über die sich jeder Sozialdemokrat im Klaren ist.

Gabriel geht mit seiner Kandidatur ein hohes Risiko. Denn anders als bei den früheren SPD-Kanzlern Helmut Schmidt oder Gerhard Schröder, die beide mit ihrer Partei fremdelten, zugleich aber in der Bevölkerung großes Vertrauen genossen, sind die Beliebtheitswerte Gabriels auch außerhalb seiner Partei alles andere als überzeugend. Deshalb ist die Unterstützung der Sozialdemokraten umso wichtiger. Dazu gehört auch ein klares Bekenntnis durch die aktuelle SPD-Ministerriege, die Landesfürsten und den vermeintlichen Kandidaten-Kontrahenten Martin Schulz, der die Zeit bis zur Wahl 2021 noch für die eigene Profilierung nutzen kann. Dann wird Bundeskanzlerin Merkel definitiv nicht mehr antreten, und die Karten werden komplett neu gemischt.

Ob Gabriel bei der bevorstehenden Bundestagswahl überhaupt etwas bewegen kann, hängt maßgeblich vom Ergebnis der Landtagswahl im Mai in Nordrhein-Westfalen ab. Hier werden die Weichen für die Zeit bis zum Herbst gestellt. Deshalb wird sich Gabriel in den kommenden Monaten intensiv um NRW und insbesondere das Ruhrgebiet kümmern. Er wird Ministerpräsidentin Hannelore Kraft unterstützen, wo immer es geht. Dass er sie gestern bei einem Treffen in Düsseldorf als „Seele des Landes“ bezeichnete, ist nur ein Vorgeschmack auf den neuen Kuschelkurs der beiden. Andreas Tyrock – Westdeutsche Allgemeine Zeitung

Die Grenzen des Ehrgeizes

Sigmar Gabriel ist ehrgeizig – aber nicht naiv. Nur Vize zu sein, nur die zweite Geige zu spielen, das ist nicht sein Ding. Deshalb hat er schon vor zehn Jahren im kleinen Kreis sein Berufsziel verraten: Bundeskanzler. Doch dem Niedersachen ist bewusst, dass er im September bei der Bundestagswahl so gut wie keine Chance hat. In allen Umfragen dümpelt die SPD aktuell bei etwa 20 Prozent, und der Großteil der Bevölkerung billigt – bei aller Kritik – Angela Merkel noch immer die größte Problemlösungskompetenz zu. Gabriel und die Sozialdemokraten wissen: Wer jetzt gegen Merkel antritt, belastet den Fortgang seiner politischen Karriere mit einem Makel: Wer möchte schon gern ein Verlierer sein?

Die SPD muss planen für die Zeit nach Merkel; sie muss sich auch personell neu formieren, um wieder Mehrheiten für sich gewinnen zu können. Vielleicht spürt Gabriel, dass dieser Prozess mit ihm nicht gelingen kann. Vielleicht will er sich sogar opfern für die Partei, weil er einsieht, dass Fakten seinem Ehrgeiz Grenzen setzen. Sigmar Gabriel wird demnächst zum zweiten Mal Vater. Kann gut sein, dass er nach der Niederlage im Herbst kürzer treten wird, um Bücher zu schreiben, Kinder zu erziehen und zuhause die erste Geige zu spielen. Für ihn selbst muss das nicht schlecht sein – und für die SPD auch nicht. Martin Korte – Westfalenpost

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