Brexit: Warnschuss von der Insel

Brexit-Referendum

Brexit: Warnschuss von der Insel

Die anstehende Abstimmung sorgt seit Monaten für Unsicherheiten. Bei einem Austritt aus der EU müssten unter anderem die Handelsbeziehungen zur EU neu verhandelt werden. Das Vereinigte Königreich ist nach den USA und Frankreich der drittwichtigste Abnehmer deutscher Waren. Der Wert aller deutschen Warenlieferungen auf die britische Insel betrug 2015 rund 89,3 Milliarden Euro. Zu den gefragtesten Gütern aus Deutschland zählten Fahrzeuge und Kfz-Teile (32 Prozent), gefolgt von chemischen Erzeugnissen (15,4 Prozent) und Maschinen (10,5 Prozent).

Deutsche Wirtschaft wünscht sich Verbleib der Briten in der EU

Diverse britische Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften, der Finanzplatz London und auch deutsche Wirtschaftsvertreter und Unternehmen vor Ort warnten schon Monate vor der Abstimmung lautstark vor einem Austritt der Briten aus der EU (Brexit). Schon allein die Möglichkeit eines Austritts hatte bereits vor der eigentlichen Abstimmung negative Auswirkungen auf die britische Wirtschaft. „Nicht wenige verunsicherte Unternehmen hielten sich in den vergangenen Monaten mit Investitionen zurück. Sollten die Briten für einen Verbleib stimmen, ist schon in der zweiten Jahreshälfte 2016 mit einem Wiederanziehen der Investitionen zu rechnen“, sagt Annika Pattberg von Germany Trade & Invest in London. Ein EU-Austritt würde sich laut Pattberg hingegen jahrelang negativ auf ausländische Investitionen und die britische Wirtschaft insgesamt auswirken. Vor allem für viele investierende Unternehmen aus Übersee ist ein Firmensitz in der EU wichtig.

Nicht nur vor dem Hintergrund der bisher guten Wirtschaftsbeziehungen hofft die deutsche Wirtschaft auf einen Verbleib der Briten in der EU. „Die deutsch-britischen Wirtschaftsbeziehungen sind aktuell gut. Aus keinem anderen Land importieren die Briten so viele Waren wie aus Deutschland. Mir ist kein einziges deutsches Unternehmen bekannt, dass sich nicht den Verbleib der Briten in der EU wünscht“, so Pattberg weiter. Fast 50 Prozent der britischen Pkw-Importe kommen aus Deutschland und ungefähr jeder dritte neuangemeldete Pkw ist ein deutsches Modell.

Für deutsche Unternehmen bieten sich in nahezu allen Sektoren gute Geschäftschancen, zumal Deutsche gern gesehene Geschäftspartner sind. Esad Fazlic – gtai.com

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Bei den Briten ticken die inneren Uhren anders: „Die Engländer sind bemerkenswerterweise bereit, Ausländer für cleverer zu halten als sich selber, sehen es aber als einen Affront gegen Gott und die Natur an, von Ausländern beherrscht zu werden.“ So beschrieb der englische Schriftsteller George Orwell 1944 die Gemütslage seiner Landsleute mit Blick auf Europa. Diese grundsätzliche Skepsis hält sich bis heute hartnäckig in den Köpfen vieler Briten – und dürfte auch beim Brexit-Referendum am Donnerstag durch die Wahllokale spuken. Diese Haltung einfach als very british abzutun, wäre jedoch zu einfach. Denn die tief verwurzelten nationalen Befindlichkeiten der Insulaner, die bei der Schicksalsabstimmung natürlich eine Rolle spielen werden, gibt es in den unterschiedlichsten Ausprägungen auch in anderen EU-Staaten.

Dass die Europagegner in Großbritannien Morgenluft wittern, liegt vor allem an einer beispiellosen Kampagne der obersten EU-Hasser um einen Boris Johnson oder einen Nigel Farage. Unter ihren Tiraden musste Europa für so ziemlich alles herhalten, was von der Regierungszentrale bis in den hintersten Winkel des Königreichs schiefläuft. Die Wahrheitsverdreher haben London zum Marktplatz für Verschwörungstheoretiker gemacht. Großbritannien zuerst, lautet ihr Schlachtruf. Ihr beliebtester Prügelknabe sind die Ausländer – auch die aus östlichen EU-Ländern. Dabei ignorieren die Europagegner, dass man letztere selbst als billige und willige Arbeitskräfte ins Land holte. Egal ob die Briten am Ende Bye Bye sagen oder Stay, das Brexit-Referendum bedeutet in beiden Fällen eine tiefe Zäsur für die Europäische Union. Das erste Szenario – ein Austritt der Briten aus der EU – wäre verheerend. Ein Brexit brächte nur Verlierer hervor. Er würde die Union in ihrem Innersten erschüttern und sie in die schlimmste Krise ihrer Geschichte stürzen.

Vor allem die Briten selbst bekämen die Folgen zu spüren. Es wäre jäh vorbei mit der Londoner City als Finanzzentrale Europas. Der Brexit brächte den britischen Bankensektor in Schieflage. Zudem könnten viele Unternehmen ihre Firmensitze verlagern. Damit gingen Jobs und Steuereinnahmen verloren. Das Vereinigte Königreich stünde vor einer schweren Rezession. Darüber hinaus würde der Brexit die schottischen Unabhängigkeitsbestrebungen befeuern. Großbritannien könnte sich am Ende als Klein-England wiederfinden. Die Schockwellen würden sich nicht auf die Insel beschränken. Auch auf dem Kontinent käme es zum Börsencrash. Besonders hart würde der Brexit viele deutsche Unternehmen treffen. Denn die Bundesrepublik ist der wichtigste Handelspartner Großbritanniens in der EU. Nicht minder schwer wöge der Verlust eines wichtigen politischen Partners, der das globale Gewicht der Union enorm erhöht. Gleichzeitig besteht das Risiko, dass der Brexit einen Domino-Effekt in anderen Ländern in Gang setzt, der die EU letztlich in ihrer Existenz bedroht. Man stelle sich nur vor, Front-National-Chefin Marine Le Pen gewinnt die Präsidentenwahlen in Frankreich und lässt dann erfolgreich über einen Frexit abstimmen.

Dann bliebe in Europa kein Stein mehr auf dem anderen. Doch auch, wenn am Donnerstag das für alle Beteiligten günstigere Szenario eintritt und die Briten für einen Verbleib in der EU stimmen, können die Chefs in den Regierungszentralen von Brüssel, Berlin, Paris bis nach Rom nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. EU-Skeptiker und Europahasser erfreuen sich auch in Frankreich, Italien oder Deutschland eines ungebremsten Zulaufs. Dazu tragen Regierungen bei, die Europa nur als abstraktes Konstrukt beschreiben und damit den fatalen Eindruck erwecken, dass sie in einer von ihren Bürgern hermetisch abgetrennten Sphäre leben.

Merkel, Hollande, Juncker & Co. müssen den Menschen erklären, wo die handfesten wirtschaftlichen und politischen Vorteile der EU-Mitgliedschaft liegen. Dafür böte ein kritischer Blick über die Grenzen der Union hinaus reichlich plastisches Anschauungsmaterial. Gleichzeitig wäre eine klare Ansage hilfreich, wie sie Bundespräsident Joachim Gauck fordert: Niemand in Brüssel und auch nicht in Berlin plant eine Vorschrift, dass die Polen keine Polen oder die Briten keine Briten mehr sein dürfen. Mittelbayerische Zeitung

„Brexit“ weniger wahrscheinlich: Erleichterungsrally an den Finanzmärkten – economy

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