Cap-Anamur-Kapitän zu Fall Rackete: Da läuft ein politischer Prozess

Mutige Retter mit Hang zum Risiko

Cap-Anamur-Kapitän zu Fall Rackete: Da läuft ein politischer Prozess

Wer Menschen in Seenot rettet, begeht eine humanitäre Tat und kein Verbrechen. Die Besatzung des Rettungsschiffes „Sea-Watch 3“ handelte also richtig, als sie den italienischen Hafen in Lampedusa ansteuerte – trotz des Landeverbots der italienischen Regierung. Wer 40 hilflose Menschen an Bord hat, die Folter ausgesetzt waren oder vor Verzweiflung ins Wasser springen wollten, muss etwas unternehmen, um die Lage nicht außer Kontrolle geraten zu lassen. Man könnte die Kapitänin Carola Rackete und ihre Crew fast als Helden bezeichnen, zumindest als mutige Retter, die für andere ein hohes Risiko eingehen. Ruhr-Bischof Overbeck hat es treffend ausgedrückt, wenn er in der Rettung die „humanen und christlichen Werte Europas“ erkennt. Solche Menschen verdienen das Bundesverdienstkreuz und nicht das Gefängnis.

Man sollte aber der italienischen Regierung nicht einseitig die Rolle des Bösewichts zuweisen. Denn Italien wurde von den übrigen Europäern jahrelang mit dem Problem der Mittelmeerflüchtlinge alleingelassen. Das Stichwort dafür hieß Dublin 2 und kam den Binnenländern der EU wie zum Beispiel Deutschland sehr zupass. Dass Populisten diese Situation eines Tages ausnutzen würden, war nur eine Frage der Zeit. Auch das Schweigen und Nichtstun der übrigen EU-Staaten, die davon nicht direkt betroffen sind, verdient deshalb heftige Kritik.

Und schließlich müssen sich auch die Retter fragen lassen, warum sie die Menschen nicht in ein Land wie Tunesien bringen. Die einzige Demokratie in der arabischen Welt soll bald als sicheres Herkunftsland gelten. Der Kampf gegen Schlepper wird mit solchen Aktionen allein auch nicht gewonnen. Trotzdem bleibt der Einsatz der „Sea Watch“-Crew eine menschenfreundliche Tat, die unsere volle Unterstützung verdient.¹

Stefan Schmidt fordert von EU, den politischen Druck hoch zu halten – Zuwanderungsbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein erinnert sich an eigene Verhaftung: „Ich habe schlechte Erfahrungen mit den italienischen Behörden gemacht“

Osnabrück. Im Fall der in Italien festgenommenen Kapitänin der deutschen Hilfsorganisation Sea-Watch, Carola Rackete, fordert Stefan Schmidt, Zuwanderungsbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein, den politischen Druck hoch zu halten. „Wie damals bei uns läuft da ein politischer Prozess“, sagte er im Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. „Uns hat sehr geholfen, dass uns schon in der Haft Vertreter des EU-Parlaments besucht und sich für uns eingesetzt haben.“ Schmidt hatte 2004 als Kapitän der „Cap Anamur“ 37 Schiffbrüchige an Bord genommen und mit ihnen trotz Verbots den sizilianischen Hafen Porto Empedocle angelaufen. Dafür war er von einem italienischen Gericht wegen Schleusung angeklagt und erst 2009 freigesprochen worden. Eine Woche lang hatte Schmidt im Gefängnis gesessen. „Die Behörden haben uns extra in ein Gefängnis mit Dieben und Mördern gesteckt, weil sie uns schlecht behandeln wollten. Aber die Häftlinge haben uns gefeiert.“

Mit einer schnellen Freilassung Racketes rechnet Schmidt, der seit 2011 ehrenamtlicher Beauftragter für Flüchtlings-, Asyl- und Zuwanderungsfragen für das Land Schleswig-Holstein ist, aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen nicht: „Ich habe schlechte Erfahrungen mit den italienischen Behörden gemacht. Damals hieß der Regierungschef Silvio Berlusconi – und der war schon schlimm.“ Er fürchte jedoch, dass der heutige Innenminister Matteo Salvini noch schlimmer sei: „Für den sind Flüchtlinge Menschenfleisch.“ Zudem sei es „vielleicht eher hinderlich“, dass es mit ihm schon einmal so einen Fall gegeben habe: „Ich hoffe es nicht, aber ich fürchte, dass Carola noch mehr Schwierigkeiten bekommen könnte als ich damals.“

Auf die Frage, ob er wütend sei, sagte Schmidt: „Ja, natürlich. Gerade weil sich Geschichte so wiederholen muss. Wenn ich nicht so ein friedliebender Mensch, sondern der Kaiser von Deutschland wäre, würde ich am liebsten mit den maritimen Gebirgsjägern in Italien einreiten.“²

¹Rheinische Post ²Martin Kessler – Neue Osnabrücker Zeitung

DasParlament

Ihre Meinung ist wichtig!

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.