Der Preis für Syrien: Terroristen, Schlächter, Heuchler, Ignoranten

Der Preis für Syrien: Terroristen, Schlächter, Heuchler, Ignoranten

Nach dem Gipfel von Teheran treibt der syrische Bürgerkrieg in Idlib einem blutigen Höhepunkt entgegen. Für Europa rückt damit nach mehr als sieben Jahren Krieg in Syrien die Stunde der Wahrheit näher. Deutschland und andere europäische Staaten werden bald schwierige Entscheidungen treffen müssen, um die sie sich bisher herumgedrückt. Europa hat sich aus dem Krieg in Syrien herausgehalten. Trotzdem wird es einen hohen Preis zu zahlen haben.

Erstens dürften wir wohl keine andere Wahl haben, als uns mit Diktator Baschar al Assad zu arrangieren, auch wenn dieser das Blut von Hunderttausenden an den Händen hat.

Zweitens wird Europa vor der Wahl stehen, neue Fluchtwellen zu riskieren – oder zu zahlen. Assads Schutzmacht Russland fordert vom Westen schon jetzt Milliardensummen für den Wiederaufbau von Syrien. Es wird also höchste Zeit, sich darauf vorzubereiten. Geschieht das nicht, werden die Europäer von einer Entwicklung ausgeschlossen bleiben, die sie zwar wegen der Flüchtlingsproblematik und der russischen Machtausbreitung unmittelbar berührt, auf die sie aber keinerlei Einfluss haben.¹

Im verheerten Syrien soll nach über sieben Jahren Bürgerkrieg die letzte große Schlacht um die Rebellenhochburg Idlib bevorstehen. Alle Seiten wollen ein Stück vom Kuchen, schmieden seltsame Allianzen und üben sich in Heuchelei.

Nun soll sie also bevorstehen: die letzte große Schlacht im verheerten Bürgerkriegsland Syrien, der Sturm auf die Rebellenhochburg Idlib. In der Provinz an der Grenze zur Türkei verschanzen sich Zehntausende bewaffnete Rebellen, darunter Islamisten wie die Miliz Hayat Tahrir al-Sham (Komitee zur Befreiung Großsyriens), die als schlagkräftigste Gruppierung den Großteil des Gebiets kontrolliert. Das jihadistische Bündnis wird vom früheren syrischen Ableger von Al-Kaida angeführt, der sich einst Nusra-Front nannte. Und es sollen nach wie vor Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida bestehen. In der Provinz leben aber auch rund 2,9 Millionen Menschen, darunter laut UNO eine Million Kinder. Sie wären wohl die Hauptbetroffenen in einer neuen blutigen Schlacht im letzten großen Showdown des Syrien-Kriegs.

Im Laufe des nun seit über sieben Jahren tobenden Bürgerkriegs, der Syrien in ein Trümmerfeld verwandelt hat, in dem jede Menschlichkeit zu Grabe getragen wurde und in dem die Welt- und sich gegenseitig verhasste Regionalmächte wie Russland, die Türkei, Saudi-Arabien, der Iran und auch die USA das Heft in die Hand genommen haben, entwickelten sich die seltsamsten Allianzen. Allianzen, die gemeinsame Werte verhöhnen und Menschen meist nur als Bauernopfer und Kollateralschäden definieren. Es erscheint auf der einen Seite seltsam und befremdend, wenn der Westen – allen voran die USA – Brutalo-Islamisten wie die Ableger des Al-Kaida-Terrornetzwerkes, welche den Tod des Westens auf ihre Fahnen geschrieben haben, in Idlib gewähren lässt. Und US-Präsident Donald Trump jene als seine größten Feinde bezeichnet – allen voran den Iran –, welche die Extremisten bekämpfen.

Da kann etwas nicht stimmen. Sind die Anschläge von 9/11 etwa schon vergessen? Und auch die Türkei, die nun angesichts einer neuen drohenden Flüchtlingswelle verständlicherweise laut um Hilfe ruft, hat in den von ihr eroberten Regionen in Nordsyrien auch keine Berührungsängste mit Islamisten. Wichtig ist Ankara in erster Linie nur, die Kurden zu vertreiben. Auf der anderen Seite haben jene, die nun eine Großoffensive auf Idlib vorbereiten – Assads Regime im Verbund mit russischen Militärs und vom Iran gesponserten Milizen –, in den bisherigen Feldzügen wie in der Schlacht um Aleppo nur wenig Skrupel gezeigt und der Zivilbevölkerung unsagbares Leid zugefügt.
Und Europa? Europa genügt sich in der Rolle des Ignoranten, des Zuschauers, der die Augen fest verschließt. Europa hat in der Region nichts zu melden, muss aber all die Folgen – Stichwort Flüchtlingswelle – tragen. Eine seltsame Strategie.²

¹Thomas Seibert – Rheinische Post ²Christian Jentsch – Tiroler Tageszeitung

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