Pulverfass Türkei – Erdogans gefährlichen Zweifronten-Krieg

Zahl der Anschläge in der Türkei steigt

Die Polarisierung der türkischen Gesellschaft, von der Regierung jahrelang aus wahltaktischen Gründen vorangetrieben, ist so beherrschend geworden, dass es kaum noch Brücken zwischen den Lagern gibt.

Pulverfass Türkei – Erdogans gefährlichen Zweifronten-Krieg

In einer nationalen Notlage wie nach dem Anschlag von Ankara müssten Demokraten jetzt zusammenstehen und über Parteigrenzen hinweg eine einheitliche Front gegen die Gewalttäter bilden. Doch davon ist in der Türkei weit und breit nichts zu sehen. Es gibt in der politischen Arena niemanden, der als Versöhner wirken und die diversen Akteure an einen Tisch bringen könnte. Kein Wunder, dass viele Türken für die Zukunft schwarz sehen. Stuttgarter Nachrichten

Zahl der Anschläge steigt

Es ist beunruhigend: Die Zahl der brutalen Anschläge in der Türkei steigt. Die Terrorattacke vom Sonnabend in Ankara dürfte nur der Auftakt für eine neue Spirale der Gewalt sein. Der Nato-Partner Türkei wird zunehmend zu einem Pulverfass an der südöstlichen Flanke des Bündnisses. Ernsthaft verwundern kann dies niemanden. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat sich sehenden Auges in einen gefährlichen Zweifrontenkrieg begeben. Vor wenigen Wochen hat er sowohl der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) als auch der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK den Kampf angesagt. Insofern vergrößert er die Reibungsflächen und die Verwundbarkeit seines Landes. Von Michael Backfisch Berliner Morgenpost

Der Nahe Osten brennt. Vor wenigen Jahren hätte dieser Satz allein Assoziationen mit Israel und seinen Gegnern rundum wachgerufen. Heute kommt dem hochgerüsteten Zwergstaat nur noch eine Nebenrolle zu. Der schwerste Anschlag in der jüngeren Geschichte der Türkei am Samstagmorgen vor dem Hauptbahnhof von Ankara nährt die schlimmsten Befürchtungen. Hat die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zum zweiten Mal ihre Selbstmordattentäter jenseits der Grenze eingesetzt? Was wir sehen und wissen, ist Terror von Pakistan und Afghanistan über Tschetschenien, Irak, Syrien, Teile von Ägypten und über Libyen hinaus bis Subsahara.

Urheberschaft unklar

Meldungen von immer neuem Blutzoll stecken die Dimensionen ab, gegen die der Israelkonflikt zum Nachbarschaftsstreit herabsinkt. Weshalb also erregt der Anschlag von Ankara mit »nur« um die 100 Todesopfern so viel Aufsehen, wo doch allein in Syrien schon 250 000 Menschen starben und dort die größte Völkerwanderung der Neuzeit losgetreten wurde? Die Antwort: Weil dieser Anschlag vermutlich nie überzeugend für alle aufgeklärt wird und jeder Erklärungsversuch größere Feuer schürt, die die Türkei am Ende in den längst begonnenen großen Nahostkonflikt ziehen. Die um ihre Mehrheit fürchtende Regierung des nach Allmacht strebenden Präsidenten Recep Tayyip Erdogan bietet drei Erklärungsmuster an: Islamischer Staat, die kurdische PKK oder Linksterroristen. Alle Regierungsgegner – und sie hatten bei der Wahl im Mai die Mehrheit – eint die Überzeugung, dass Erdogans rechtsgewirkte Clique das eigene Staatsvolk in die Luft sprengt, egal was dessen Ermittler der Öffentlichkeit erklären.

Die großen westlichen Länder können und wollen sich Erdogan als wahren Drahtzieher nicht vorstellen, halten sich aber abgesehen von Beileidsbekunden mit Analysen vornehm zurück. Kurzum: Wir wissen es nicht, sehen aber nach den gescheiterten Versuchen zur Regierungsbildung ein in die Unregierbarkeit taumelndes Land. Nicht einmal von den früher zum Eingreifen bereiten Militärs ist eine Lösung zu erwarten. Denn die Türkei ist längst im Krieg – gegen die Kurden, gegen das Regime Assad und damit auch gegen Russland, dessen neue aggressive Außenpolitik sich jetzt auf Syrien stürzt. Immer deutlicher wird, dass sich Putins Kampfpflugzeuge dort gegen die gemäßigten Rebellen richten und den IS noch gewähren lassen. In der Türkei selbst ist die politische Lage dermaßen aufgeladen, dass Gerüchte über polizeiliches Handeln beziehungsweise Unterlassen wild ins Kraut schießen. Das Sicherheitsgefühl der am 1. November erneut – und unnötig – zur Wahl gerufenen Bevölkerung ist unterhöhlt und die politische Debatte radikalisiert. Fragen wir besser nicht, was das für alle Maßnahmen Europas zur Eindämmung des Flüchtlingsansturms bedeutet. Westfalen-Blatt

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