Russlands Wirtschaft von Sanktionen unbeeindruckt

Russland: Schafft Moskau die wirtschaftliche Wende?

Russlands Wirtschaft von Sanktionen unbeeindruckt

Wir erleben gerade eine Phase intensivster antirussischer Propaganda in den Westmedien. Beispiellos in der Zeit nach dem Kalten Krieg. Dabei wollen uns die Erfüllungsgehilfen in den Redaktionsstuben glauben machen, dass die russische Wirtschaft in “Fetzen gerissen wurde”, sich im “freien Fall befindet” und auf “Junk-Niveau gefallen ist”. Alles aufgrund der “intelligenten” Sanktionen des Westens, die ironischerweise von den USA selbst unterlaufen werden und die eher früher als später Moskau dazu zwingen sollten sich dem Diktat des Westens bzgl. der Ukraine zu unterwerfen.

Russland

Aber nichts dergleichen ist eingetreten. Russland zeigte sich eher noch entschlossener seine berechtigten Sicherheitsinteressen zu wahren. Moskau nimmt die Rolle des Einäugigen unter den Blinden ein, während die Meinungen in Europa immer deutlicher ausgesprochen werden, dass die Sanktionspolitik nicht nur sinnfrei ist und nirgendwohin führen kann, sondern dass sie auch eigene, europäische Interessen verletzt. Die Europäische Union muss sich in den nächsten Monaten entscheiden, ob die Sanktionen in Kraft bleiben sollen oder ob eine Abkehr sinnvoller erscheint. Angesichts der ermutigenden Entwicklung in letzter Zeit, dass das Minsker Abkommen zwar langsam, aber stetig an Bedeutung im Konflikt im Osten der Ukraine gewinnt, sollte letzteres zielführender sein.

Es scheint als würde die gegen Russland gerichtete Propaganda in Wirtschaftsfragen (und auch nur hier) langsam weniger werden und rationales Handeln bzw. Meinungen wieder Gehör finden. So hat Bloomberg einen Bericht mit dem Titel “No, Obama, Russia’s Economy Isn’t in Tatters (Nein, Obama, Russlands Wirtschaft ist nicht zerbrochen)“ veröffentlicht, in dem gewarnt wird, dass sich die Berichte über den drohenden Niedergang der russischen Wirtschaft als verfrüht heraus stellen könnten.

Das Online-Magazin The National Interest stellte einen Bericht online der auf ähnliche Weise Stellung zu den wirtschaftlichen Entwicklungen nimmt. Thematisiert wurde in dem Artikel ein Vortrag mit dem Titel “Russia’s Energy Sector and the Oil Price Collapse (Russlands Energiesektor und der Ölpreis kollapieren)“, der am Dienstag vergangene Woche in Washington unter der Schirmherrschaft des Centers for the National Interest gehalten wurde. Die darin vertretenen Ansichten sind, dass die Auswirkungen von Sanktionen oder der fallende Ölpreis auf die russische Wirtschaft nicht übertrieben werden sollten, selbst wenn die Meinungen darüber unterschiedlich sind, ob der Ölpreis bis zum Ende des Jahres wieder nach oben in Richtung von 80 US-Dollar pro Barrel geht.

Der zentrale Punkt dabei ist tatsächlich die Zukunft der Zusammenarbeit zwischen Russland und Europa in Energiefragen. Sicherlich versucht Europa (fast verzweifelt) die Bezugsquellen von Energie zu diversifizieren und die große Abhängigkeit gerade bei der Gasversorgung (30% kommen aus Russland) zu reduzieren. Aber eine aktuelle Analyse von Professor James Henderson, Senior Fellow am Oxford Institute for Energy Studies, kommt zu einem überraschend anderen Schluss:

Während es scheint als wäre die strategische Energiepartnerschaft zwischen Russland und der EU verschwunden, werden in Wirklichkeit die Handelsbeziehungen stark bleiben. Russland wird nicht wollen, dass es von den Ausfuhren an einen einzigen leistungsfähigen Kunden wie China abhängig wird, und es wird seine europäischen Optionen als Ausgleichsposten in der gleichen Weise zu verwenden wissen, wie es derzeit die Verkäufe nach Asien verwendet, um seine geopolitischen und wirtschaftlichen Standpunkte gegenüber europäischen Staats- und Regierungschefs auf zu zeigen. Darüber hinaus wird – gemessen am Gesamtumsatz – Europa wahrscheinlich die größte Einnahmequelle für Gazprom bleiben, wenn auch China der größte Einzelkunde werden könnte, und als ein Ergebnis daraus, auch wenn die Beziehungen zwischen Russland und seinen Kunden im Westen in der absehbaren Zukunft politisch schwierig bleiben dürften, dürften die gegenseitigen Vorteile einer vernünftigen wirtschaftlichen Zusammenarbeit im Energiesektor einen signifikanten Abbau im Gashandel verhindern. Außerdem, wenn Gazprom eine Strategie des zunehmenden Handels über Verteilstationen vorzieht und nicht mehr die Lieferung an Endverbraucher, könnte die mächtige Verhandlungsposition als kostengünstiger Produzent mit riesigen Gasvorkommen in der Nähe von Europa letztlich langfristig zu einem wachsenden Marktanteil führen statt eines Rückgangs, der derzeit scheinbar das bevorzugte Ergebnis der EU ist.

Pipelines Russland-Europa - Bildquelle: Wikipedia / DOE

Es ist klar, dass Russland weiterhin stark fokussiert bleiben wird, was seine Energiepolitik betrifft, unbeirrt von den apokalyptischen Vorhersagen einer russischen Wirtschaft im “freien Fall”, die auf der Einschätzung beruht, dass die Beziehungen zwischen Russland und Europa regelrecht pulverisiert wurden. Aus dieser Perspektive betrachtet ist der Verzicht Moskaus bzgl. des Gaspipeline-Projekts South Stream mehr als nur ein Wendepunkt in seiner langfristigen Exportstrategie für Erdgas. Eine Strategie, die durch eine Kombination aus den herrschenden Umständen (wie die schwachen Gasnachfrage, das neu eingebrachte EU-Kartellrecht im Energiesektor und das Gefühl, dass Gazprom auf dem europäischen Markt weniger willkommen ist als zuvor) entstand und dazu führte, dass ein neuer Knotenpunkt an der Grenze Türkei/Griechenland entstehen wird von dem aus Gas nach Südosteuropa gelangen wird.

Tatsächlich hört man nichts mehr von den Spöttern, die das sogenannte Projekt Turkish Stream als einen reinen russischen (Proganda-)Bluff hinstellten. Man spürt, dass das Projekt von entscheidender Bedeutung für Russland werden kann und auch so realistisch ist wie das bereits bestehende Blue Stream Projekt bei dem russisches Gas in die Türkei geliefert wird. Bezogen auf die Möglichkeit einer Ausweitung der Energiezusammenarbeit zwischen Russland und Zypern, hat sich Russland auch intelligent zwischen der Türkei und Griechenland als gemeinsamer Freund positioniert und es zeichnet sich eine neue Energie-Achse zwischen den drei Ländern ab, die Moskaus Ansehen in der Mittelmeerregion verbessern wird.

Selbst die Jamestown Foundation gibt widerwillig in einer aktuellen Studie zu:

Es wird auch immer deutlicher, dass die Energie-zentrierte Zusammenarbeit zwischen Russland und der Türkei dazu führen wird, dass Ankara sich politisch an Moskau annähern wird… von einem breiteren Ausblick ausgehend, wird die türkische-russische Energiezusammenarbeit zu einer ernsthaften Herausforderung für die euro-atlantische Gemeinschaft und den damit eng verbundenen regionalen Partnern.

Moskaus Strategie scheint derzeit aufzugehen, sich aus der Abhängigkeit Europas als wichtigsten Absatzmarkt zu befreien, seine Abnehmer zu diversifizieren und gleichzeitig dabei seine eigenen Sicherheitsinteressen unter einem Hut zu bringen. Mit diesem Szenario scheinen die West-Strategen nicht gerechnet zu haben. Die Antwort des Westens darauf dürfte spannend werden.

Quelle: www.konjunktion.info

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