Russlandtreue legen Nemzow dem Kreml zu Füßen

Putins Macht hat die Immunkräfte der Gesellschaft zerstört

Russlandtreue legen Nemzow dem Kreml zu Füßen

Eine liberale Legende ist tot, einen Steinwurf entfernt von der russischen Machtzentrale mit Schüssen in den Rücken hingerichtet. Die Mörder hätten Boris Nemzow überall töten können, doch sie suchten sich die Kreml-Nachbarschaft aus. Sie haben vermutlich die demonstrative Wirkung der Bluttat einkalkuliert.

Die Angst ist zurück. Nemzows Tod ist ein Akt der Abschreckung und ein politisches Statement: Keiner, der sich gegen Putins Staat stellt, soll sich sicher fühlen.

Boris Nemtsov

Es ist nur schwer vorstellbar, dass der Mordbefehl aus dem Kreml kam. Wladimir Putin wird nicht die öffentliche Beseitigung eines Oppositionellen angeordnet haben, von dem keine akute Bedrohung ausgegangen war. Doch auch wenn Russlands Präsident den Mord als eine Provokation darstellt, er trägt dennoch die politische Verantwortung dafür. Denn Putin eint sein Volk nicht durch Reformen und Wohlstand. Die relative Stabilität Russlands kann heute offenbar nur noch durch eine patriotische Mobilisierung gegen interne und äußere „Feinde“ geschaffen werden. Die gegen die liberalen „Verräter“ gerichtete Propaganda macht die Systemkritiker zu Angriffszielen der nationalistischen „Patrioten“, und das Gesetz gebietet letzteren kaum Einhalt.

Putins Macht hat die Immunkräfte der Gesellschaft zerstört, die nun das Virus des nationalistischen Hasses nicht mehr abwehren können. Der militante Hass gegen Andersdenkende zerfrisst das Land. Die dumpfe Intoleranz wird salonfähig und treibt Extremisten zu Taten an. Einige von ihnen sind durch Kampfeinsätze in der Ukraine verroht und enthemmt. Sie sehen es nun als eine ehrenwerte und legitime Aufgabe, gegen Kreml-Kritiker vorzugehen.

Diese „Feinde“ werden nicht nur isoliert und diskreditiert, sie dürfen nach der Lesart ihrer Gegner vielmehr auch physisch vernichtet werden. Wir erleben somit einen Schritt in der Entwicklung des russischen Autoritarismus auf dem Weg in eine mögliche totalitäre Schreckensherrschaft. Die Frage jetzt ist: Sind die Stimmen der Vernunft in Russland noch stark genug, um ein Abgleiten ins blutige Chaos zu stoppen? – Schwäbische Zeitung

Wie in einem Mafia-Film

In der selektiven Wahrnehmung der westlichen Welt ist Boris Nemzow zuletzt kaum noch in Erscheinung getreten. Zu laut, zu dominierend sind der russische Präsident Putin und der Krieg in der Ukraine. Womöglich wäre es dem Oppositionellen mit seinem letzten Rundfunk-Interview gelungen, in seiner Heimat und darüber hinaus jene Aufmerksamkeit zu finden, die so wichtig ist, damit sich die Zustände in Russland ändern. Doch als der Sender Echo Moskwy das Gespräch mitsamt der scharfen Kritik an Putins Politik in Schriftform veröffentlichte, war Nemzow schon Stunden tot. Hinterrücks erschossen.

Je geringer das Wissen, um so schriller das Agieren

Die Begleitumstände könnten aus einem der üblichen Mafiathriller stammen: Der schon etwas ältere Prominente und die sehr junge Begleiterin gehen allein durch den Abend im Moskauer Zentrum. Als die Schüsse fallen, verdeckt eine Straßenkehrmaschine die Szenerie auf einem verwaschenen Video. Die Begleiterin, eine Ukrainerin, bleibt unverletzt. Alle, auch der Präsident, geben sich entsetzt über die Bluttat. Das ist der Stoff, aus dem Verschwörungstheorien sind. Wie üblich, laufen in Russland die Propagandamaschinen des Staates heiß. Information, Desinformation, schnell und verwirrend, kaum eine Chance lassend für unabhängige Überprüfung. Und in den sogenannten sozialen Medien sieht es keinen Deut besser aus. Je geringer das Wissen, um so schriller das Agieren.

Gut möglich, das Russland irgendwann einen Täter präsentiert. Ob damit aber der Mord wahrhaftig aufgeklärt ist, ist trotz der ausgelobten Belohnung von umgerechnet 45 000 Euro nicht sicher. Auch nicht, ob Ex-Geheimdienst-Offizier Putin etwas mit dem mutmaßlichen Auftragsmord an seinem Kritiker Nemzow zu tun hat. Man kann es glauben, man kann es aber auch sein lassen. Denn es hilft nicht weiter. Wofür man aber den Präsidenten verantwortlich machen muss, ist das Klima in seinem Land, das einerseits von militärischem Größenwahn und verdrucksten Komplexen und anderseits von Angst und Bedrohung gekennzeichnet ist. – Von Wolfgang Schütze, Ostthüringer Zeitung

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