Syrien: Ein Flächenbrand droht

Eskalation in Syrien: Dann gnade uns Gott

Syrien: Ein Flächenbrand droht

Trump zeigt mit seiner Reaktion zwei eklatante Schwächen. Zum einen offenbart er, dass er nicht einmal ansatzweise über eine Syrien-Strategie verfügt. Ende März hatte er noch den „baldigen“ Abzug seiner Soldaten aus dem Bürgerkriegsland angekündigt. Zum anderen gibt es bislang keine Beweise für die mutmaßliche Giftgas-Attacke in Duma. Die USA und Russland schleudern einander Behauptungen entgegen, die sich widersprechen. Es wäre klüger gewesen, zuerst die Experten der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) nach Syrien zu schicken, um die Anschuldigungen zu überprüfen. Danach kann man über harte politische oder im Notfall militärische Schritte nachdenken. Das würde international mehr Zustimmung und Legitimität schaffen.

Die Nachrichten vom mehr als sieben Jahre andauernden Bürgerkrieg in Syrien sind verstörend. Bilder von Menschen, die im Bombenhagel oder Granatfeuer elend zugrunde gehen, dringen fast täglich per Fernsehen in unser Wohnzimmer. Dass die internationale Diplomatie bislang nichts – aber auch gar nichts – erreicht hat, um das Leid der Männer, Frauen und Kinder zu lindern, ist ein moralisches Fiasko. Die neueste Warnung von US-Präsident Donald Trump Richtung Moskau verbessert die Lage nicht. Im Gegenteil. „Mach dich bereit, Russland“, poltert er in einem Tweet. Amerikanische Raketen „werden kommen, schön und neu und ’smart‘!“ Es ist die Ankündigung einer militärischen Vergeltungsaktion für den mutmaßlichen Chemiewaffenangriff in der Stadt Duma am Wochenende.

Die Amerikaner machen den syrischen Diktator Baschar al-Assad dafür verantwortlich. Nicht nur die Drohung per digitalem Kurznachrichtendienst irritiert. Auch der salopp-lässige Ton, der eher an die Werbung für Haushaltsgeräte („schön“, „neu“, „smart“) erinnert oder an eine Keilerei unter Halbstarken („mach dich bereit“), ist bizarr. Dahinter steckt eine gefährliche Banalisierung des Krieges – als sei das Ganze ein Computerspiel. Dass sich Russland in der Angelegenheit nicht mit Ruhm bekleckert hat, steht auf einem anderen Blatt. Dessen Botschafter im Libanon hatte in provokanter Weise den Abschuss von US-Raketen auf Syrien ins Spiel gebracht. Der amerikanische Präsident darf sich davon nicht beeindrucken lassen. Trump zeigt mit seiner Reaktion zwei eklatante Schwächen. Zum einen offenbart er, dass er nicht einmal ansatzweise über eine Syrien-Strategie verfügt.

Ende März hatte er noch den „baldigen“ Abzug seiner Soldaten aus dem Bürgerkriegsland angekündigt. Zum anderen gibt es bislang keine Beweise für die mutmaßliche Giftgas-Attacke in Duma. Die USA und Russland schleudern einander Behauptungen entgegen, die sich widersprechen. Es wäre klüger gewesen, zuerst die Experten der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) nach Syrien zu schicken, um die Anschuldigungen zu überprüfen. Danach kann man über harte politische oder im Notfall militärische Schritte nachdenken. Das würde international mehr Zustimmung und Legitimität schaffen. So aber haben Amerika – und Teile des Westens – ein Glaubwürdigkeitsproblem. Im März 2003 hatte eine US-geführte Koalition Krieg gegen den Irak begonnen.

Der Vorwand, dass Diktator Saddam Hussein im Besitz von Massenvernichtungswaffen sei, hat sich später bekanntlich in nichts aufgelöst. Das Gespenst des amerikanischen Geheimdienst-Phantasmas von damals schwebt heute über den Drohungen Richtung Damaskus und Moskau. Es ist unbestritten, dass die internationale Gemeinschaft den Einsatz von Chemiewaffen ahnden muss. Aber dieser sollte lückenlos nachgewiesen werden. Auch wenn es viele Gründe gibt, die gegen Syriens Präsident Assad sprechen – er ist eine eiskalter Machtpolitiker, der über Leichen geht. Trump riskiert nun mit seiner in schnoddriger Sprache dahingeworfenen Drohung einen gefährlichen Flächenbrand im Nahen Osten.

Der syrische Teufelskreis mit den Akteuren Iran, Türkei, Israel würde um eine mögliche Konfrontation zwischen Amerika und Russland erweitert. An die langfristigen Folgen seiner Tweet-Aktion denkt der Chef des Weißen Hauses nicht. Er hat vermutlich die Zwischenwahlen im US-Kongress im November vor Augen. Seine Mission: rhetorische Muskelspiele, Stärke, Dominanz. Ein kurzfristiges Kalkül, das fatale Konsequenzen haben kann. Michael Backfisch – Berliner Morgenpost

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