Syrien Giftgasangriff: Der Abgesang auf alles Menschliche

Moral ist mehr als Luxus

Syrien Giftgasangriff: Der Abgesang auf alles Menschliche

Während in Brüssel auf einer internationalen Geberkonferenz über humanitäre Hilfe für das in Schutt und Asche liegende Bürgerkriegsland Syrien verhandelt wird, geht die syrische Apokalypse in die nächste Runde. In der finalen Schlacht um Aleppo – die lange Zeit heiß umkämpfte Stadt im Nordwesten des Landes wurde Ende Dezember des Vorjahres von Assads Truppen mit tatkräftiger Hilfe Russlands und des Iran vollständig von den Rebellen zurückerobert – wurde das Tor zur Hölle weit aufgestoßen. Doch trotz einer im Anschluss an die Tragödie von Aleppo vereinbarten Waffenruhe geht das große Sterben weiter. Bei einem Giftgasangriff auf eine Kleinstadt in der großteils noch von (islamistischen) Rebellen gehaltenen nordwestlichen Provinz Idlib wurden mindestens 72 Menschen getötet. Darunter auch mindestens 20 Kinder. Kinder, die im grausamen Spiel um eine Neuordnung des Nahen Osten geopfert werden. Geopfert auf dem Schachbrett einer Machtpolitik, die Syrien zum Schlachtfeld der involvierten Regional- und Großmächte auserkoren hat.

Vieles deutet darauf hin, dass die Armee von Diktator Bashar al-Assad für das Massaker an der Zivilbevölkerung verantwortlich ist. Die Armee eines Präsidenten, dessen Macht und Überleben längst in den Händen brutaler Milizen und seiner Verbündeten liegen. Dass jene Klinik, in der die Opfer des Giftgasangriffes um ihr Überleben kämpften, auch noch bombardiert wurde, zeigt, dass alles Menschliche im blutigen syrischen Bürgerkrieg zu Grabe getragen wurde. Im 21. Jahrhundert tobt vor den Toren Europas ein Krieg, der alle Moral- und Glaubensvorstellungen verhöhnt, der die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft immer wieder von Neuem zunichtemacht. Und eine Heuchelei offenbart, die achselzuckend über Leichen geht.

Doch die Spuren des Krieges – die verbrannte Erde und das Leid der Menschen als Keimzelle für neuen Radikalismus – werden die Welt noch lange in Atem halten, auch wenn die Waffen in Syrien eines (wohl sehr) fernen Tages wirklich einmal schweigen sollten. Denn in den Trümmern der zerbombten Städte und Dörfer werden neue Monster gezüchtet, wie es uns die Geburt der Terrormiliz IS im zerschundenen Irak vor Augen führt.

Im blutigen syrischen Bürgerkrieg werden die involvierten Kriegsparteien einen hohen Preis bezahlen. Denn wer die Menschlichkeit begräbt, schaufelt sich sein eigenes Grab. Christian Jentsch – Tiroler Tageszeitung

Moral ist mehr als Luxus

Die Rahmenbedingungen für einen Waffenstillstand in Syrien sind so ungünstig, wie seit Beginn des Bürgerkriegs nicht. Russlands Präsident Putin sieht sich innenpolitischen Protesten gegenüber und verleiht zur Ablenkung dem Kampf gegen den islamischen Terrorismus neuen Schwung. Und Donald Trump lässt sich in seinen außenpolitischen Entscheidungen nicht von Moral, sondern ausschließlich von Eigeninteresse leiten. Deshalb macht er dem mörderischen Diktator Assad Hoffnungen, er könne als Verbündeter der Anti-IS-Koalition sein Amt, seine Macht und seine Pfründe behalten. Der Bombenanschlag am vergangenen Montag auf die Sankt Petersburger Metro dürfte beide Herren in ihrer Haltung bestärkt haben. Der Botschaft ans eigene Wahlvolk verleiht er blutiges Gewicht: Wenn die eigene Bevölkerung unter ständiger Bedrohung durch islamistische Anschläge lebt, ist Moral im außenpolitischen Handeln eben ein Luxus, den man sich nicht erlauben kann. Sowohl Putin als auch Trump machen in Syrien eine sehr zynische Rechnung auf: Der Feind unseres Feindes ist unser Freund.

Da sie Assad als stabile Größe im Antiterrorkampf in der Region sehen, drücken sie bei Bombenangriffen auf die eigene Bevölkerung, bei Folter, Aushungern und sogar Giftgasattacken beide Augen zu. Im UN-Sicherheitsrat, wo Beschlüsse einstimmig gefasst werden müssen, scheitern deutliche Syrienresolutionen genau daran. Gegen die mehr oder weniger offene Assad-Unterstützung durch die beiden Großmächte können auch die Europäer wenig ausrichten. Immerhin haben sie gestern bei der internationalen Syrienkonferenz in Brüssel recht eindeutige Worte über das Giftgasverbrechen in der Provinz Idlib gefunden. Gegen eine sorgfältige Untersuchung des Vorfalls durch UN-Behörden sei ja wohl auch von russischer Seite nichts einzuwenden, erklärte der britische Außenminister Boris Johnson. Und EU-Ratspräsident Donald Tusk sagte, das syrische Regime trage die Hauptverantwortung für solche Grausamkeiten. Wer aber dieses Regime unterstütze, sei mitverantwortlich. Das ging deutlich in Richtung Wladimir Putin. Und auch Donald Trump konnte sich angesprochen fühlen.

Doch damit sind die diplomatischen Möglichkeiten der Europäer auch schon ziemlich am Ende. Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini erklärte zwar, man werde nicht mit europäischen Geldern wieder aufbauen, was andere mutwillig zerstört hätten. Doch genau das wird man ziemlich sicher eben doch tun, sobald die Waffen schweigen. Schließlich hat die EU in anderen Konfliktgebieten wie Gaza ebenso gehandelt. Sie hat, teilweise auch mehrfach, mit europäischen Hilfsgeldern repariert, was andere – in diesem Fall die israelische Armee – kaputt gebombt hatten. Doch noch stellt sich die Frage gar nicht, wer den Wiederaufbau bezahlt. Zunächst geht es darum, Hilfe für die leidenden Menschen in den Kriegsgebieten und den benachbarten Flüchtlingscamps zu organisieren. An Geld mangelt es ausnahmsweise nicht.

Mehr als sechs Milliarden kamen bei der Londoner Syrienkonferenz vergangenes Jahr zusammen, und ähnlich großzügig zeigten sich die Teilnehmer gestern auch in Brüssel. Aber in vielen Fällen ist es unmöglich, mit den Hilfslieferungen und der ärztlichen und sozialen Versorgung bis zu den Menschen im Kriegsgebiet vorzudringen. Der EU bleibt also nur, sich für Sicherheitskorridore einzusetzen und weiter um einen Waffenstillstand zu ringen. Auch müssen die Nachbarländer, die die Hauptlast der Flüchtlinge tragen, mehr als bisher unterstützt werden. Sonst, das hat Außenminister Sigmar Gabriel gestern zu Recht betont, ist auch dort die politische Stabilität in Gefahr. Mittelbayerische Zeitung

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