Vizekanzler Sigmar Gabriel im stern zur Nordkorea-Krise: „So wird die Welt ein Pulverfass“

Nordkoreakrise - Wer kann Kim Jong Un stoppen?

Vizekanzler Sigmar Gabriel im stern zur Nordkorea-Krise: „So wird die Welt ein Pulverfass“

Der Mann kann es nicht lassen. Warum sollte er auch? Unmittelbare Gefahr droht ihm nicht, und mit dem Raketenabschuss vom Dienstag hat Kim Jong-Un sein Gesicht gewahrt. Schließlich hatte der nordkoreanische Diktator noch vor Kurzem mit einem Angriff auf den US-Stützpunkt Guam im Pazifik gedroht – und diesen dann wieder abgeblasen. Nun wollte er zeigen: Er könnte es schon; die nötige Reichweite hat das Geschoss erzielt. Soweit folgt das alles lediglich den bekannten Spielregeln. Die zweite Botschaft des Raketenabschusses ist deshalb schwerwiegender: Sanktionen beeindrucken Kim nicht, er macht einfach weiter. Und diese erpresserische Botschaft scheint zu wirken. Laut und deutlich hat sich China jedenfalls in einer ersten Reaktion auf den Raketenabschuss von weiteren Strafmaßnahmen distanziert.

Damit könnte sich erneut das Machtspiel um die koreanische Halbinsel verändern. Während der Westen weiter auf Druck setzt, dürfte Peking mehr als zuvor auf Verhandlungen mit dem Regime in Pjöngjang drängen. Damit wäre die gemeinsame Front gegen den Diktator schon Geschichte – und Amerika müsste sich wieder mit höchst unbequemen Fragen beschäftigen. Das fängt schon damit an, dass Kim als Bedingung für Gespräche über sein Atomprogramm verlangt, dass die USA und der Süden ihre Manöver einstellen. Und eine Forderung Kims in Verhandlungen wäre sicher, auch über den Abzug der US-Soldaten aus dem Süden zu reden. Alles unvorstellbar? Mag sein. Aber man möchte sich ja auch keinen zweiten Koreakrieg vorstellen – mit Tausenden von Toten und nuklearer Verwüstung. Andreas Härtel – Allgemeine Zeitung Mainz

Kims Rakete

Außenminister Sigmar Gabriel fürchtet „ein neues atomares Wettrennen“, falls das nordkoreanische Atomwaffenprogramm nicht gestoppt werden kann. „Mich wundert, wie isoliert Nordkorea betrachtet wird“, sagte Gabriel dem stern. Sollte sich das Regime in Pjöngjang durchsetzen, so der SPD-Politiker, „wird das Schule machen. Dann werden sich vielleicht auch Südkorea und Japan Atomwaffen beschaffen wollen. Andere Länder werden nachziehen, auch in Afrika, auch in unserer Nachbarschaft. So wird die Welt ein Pulverfass.“

Der Vizekanzler plädierte nach den am Montag im UN-Sicherheitsrat abermals verschärften Sanktionen gegen Nordkorea deshalb dafür, den Konflikt auch auf diplomatischem Wege zu entschärfen. Ähnlich wie zuvor schon Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht Gabriel die Iran-Gespräche als Vorbild. Mit einem „doppelten Ansatz von Wirtschaftssanktionen und Verhandlungen“ sei es gelungen, das iranische Atomprogramm zu stoppen. Das hält der Außenminister auch im Fall Nordkorea für möglich. „Wir Europäer können Teil einer diplomatischen Lösung sein. Wir haben Gesprächskanäle nach Pjöngjang“, so der frühere SPD-Vorsitzende. „Es geht zuallererst um Vertrauensbildung.“

Damit eine weitere Eskalation in Nordkorea verhindert werden könne, sei es allerdings nötig, das Verhältnis zu Russland zu normalisieren, sagte der Außenminister dem stern. „Wir brauchen zur Lösung der Nordkorea-Krise, aber vor allem auch zur Eindämmung der Weiterverbreitung von Atomwaffen beide: die USA und Russland“, so Gabriel. Er wolle sich auch nicht damit zufrieden geben, dass Nordkorea nur auf eine weitere Entwicklung von Nuklearwaffen verzichtet. „Einfrieren kann nur der erste Schritt sein“, sagte Gabriel. „Am Ende muss eine atomwaffenfreie koreanische Halbinsel stehen.“

Gabriel lobte ausdrücklich seinen amerikanischen Amtskollegen. US-Außenminister Rex Tillerson habe dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un „ein weitreichendes und kluges Angebot gemacht. Wenn Nordkorea auf die Entwicklung von Atomwaffen verzichtet, sind die USA bereit, Kim Garantien zu geben: keine militärische Intervention, kein ‚regime change‘, kein Sturz des Diktator“, sagte Gabriel dem stern. „So klar hat das noch keine US-Regierung unterbreitet. Das ist die Richtung, in die wir gehen müssen.“ Quelle stern. Sabine Grüngreiff, Gruner + Jahr

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