Wissenschaft warnt vor Dramatisierung der Flüchtlingszahlen

Dramatisch gestiegenes Risiko für Mittelmeer-Flüchtlinge

Wissenschaft warnt vor Dramatisierung der Flüchtlingszahlen

Nach dem Ende der „Mare-Nostrum“-Rettungseinsätze der italienischen Marine hat sich die Todesgefahr für Mittelmeerflüchtlinge dramatisch erhöht. Wie die in Düsseldorf erscheinende „Rheinische Post“ (Dienstagausgabe) unter Berufung auf aktuelle Erhebungen des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) berichtet, sind in diesem Jahr in Italien bereits rund 7000 Flüchtlinge und 373 Ertrunkene und Vermisste registriert worden. Damit hat sich der Anteil der Menschen, die die Flucht über das Mittelmeer mit ihrem Leben bezahlen, von zwei auf fünf Prozent mehr als verdoppelt. Im vergangenen Jahr waren über 170.000 Flüchtlinge gezählt worden, mehr als 3500 Menschen kamen um oder gelten als vermisst. – Rheinische Post

Flüchtlinge Boot

Schutz der EU-Außengrenzen und Massenflucht aus dem Balkan

Angesichts der hohen Flüchtlingszahlen warnt die Wissenschaft vor einer Dramatisierung. In einem Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Freitag) sagte der Direktor des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück (IMIS), Andreas Pott: „Die Dramen und Katastrophen finden andernorts statt. Zum Beispiel im kleinen Libanon, der mit seinen vier Millionen Einwohnern alleine eine Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen hat.“

Außerdem seien die Zahlen für Deutschland weder erstmals so hoch, noch hätten sich die Prognosen für das vergangene Jahr erfüllt. „Während für 2014 zeitweise weit über 200.000 Flüchtlinge prognostiziert wurden, lag die Zahl der Asylanträge durch hinzukommende Erstantragsteller am Jahresende bei 173.000. Dies entspricht nicht einmal 0,3 Prozent der Bevölkerung eines der reichsten Länder der Erde. Rechtfertigt dies eine Überforderungs- und Katastrophenrhetorik?“, fragte der Migrationsforscher.

Scharfe Kritik an „Festungspolitik“

Pott monierte eine „ebenso schäbige wie schändliche europäische Festungspolitik“. Statt einer umfassenden und europäisch koordinierten Flüchtlingspolitik werde auf Abwehr und Abschreckung gesetzt. Und wenn Flüchtlinge nach Deutschland kämen, sei der Umgang mit ihnen „nicht nur moralisch fragwürdig, sondern auch migrationspolitisch kurzsichtig“. Asylbewerber würden vielerorts ausgegrenzt. „Sie werden nicht integriert, sondern separiert“, kritisierte der Experte. „Viel zu oft werden sie künstlich schwach gehalten, statt gestärkt zu werden“, so etwa durch Arbeitsverbote oder die Unterbringung in „peripher gelegenen und unwürdigen Sammelunterkünften“, wie Pott sagte. „Ihre Qualifikationen und Potenziale liegen brach“, erklärte er.

Der IMIS-Chef kritisierte ferner, dass Flucht gegenwärtig als Ausnahmeereignis dargestellt werde. „Die Migrationsgeschichte und die Krisenhaftigkeit unserer globalisierten Welt lehren aber, dass Flucht etwas ist, das immer wieder geschieht“, sagte Pott. „Wir sollten auch in Zukunft mit Fluchtbewegungen rechnen und uns auf sie einstellen“, mahnte der Direktor des bundesweit renommierten, von dem Historiker Klaus J. Bade gegründeten Instituts, an dem sich rund 40 Wissenschaftler mit Migration und Integration befassen. – Neue Osnabrücker Zeitung

Ansturm von Kosovo-Flüchtlingen lässt nach

Der Tagesspiegel – Der Ansturm von Flüchtlingen aus dem Kosovo lässt nach. Allein in Bayern kamen in dieser Woche nach Angaben des zuständigen Sozialministeriums im Durchschnitt nur noch 223 Kosovaren pro Tag an, in der vorigen Woche waren es noch mehr als 500 täglich. Nach Tagesspiegel-Informationen fahren seit einigen Tagen auch deutlich weniger Busse aus der kosovarischen Hauptstadt Pristina Richtung Ungarn ab. Von dort waren viele Flüchtlinge nach Deutschland und Österreich weitergereist. Da sie nicht politisch verfolgt werden und auch nicht aus einem Krisengebiet stammen, sind ihre Aussichten, in Deutschland Asyl zu erhalten, praktisch gleich null. Die Bundesländer und der Bund hatten vor einer Woche ein beschleunigtes Asylverfahren für Flüchtlinge aus dem Kosovo vereinbart. Bayern schob daraufhin am vergangenen Dienstag bereits 30 Kosovaren ab. „Wir hoffen, dies trägt dazu bei, den Menschen im Kosovo deutlich zu machen, dass sie mit falschen Versprechen nach Deutschland gelockt werden“, sagte ein Sprecher des bayerischen Innenministeriums dem Tagesspiegel (Samstagausgabe).

 

 

DasParlament

Kommentar verfassen