Von wegen Russland: Datenskandal beim Fratzenbuch

Facebooks Versäumnis

Von wegen Russland: Datenskandal beim Fratzenbuch

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg setzt sich jedes Jahr ein Ziel: Mal wollte er 365 Meilen laufen, mal jeden US-Staat besuchen. 2018 will er Facebook reparieren – und je weiter das Jahr fortschreitet, desto deutlicher wird, wie schwer das ist. Das soziale Netzwerk polarisiert seit Jahren: Es wurde kritisiert für seinen Umgang mit Daten, aber auch schon dafür, Menschen in Schwellenländern kostenlosen Internetzugang zu verschaffen und dann festzulegen, welche Seiten sie besuchen dürfen.

Am Erfolg hat das nichts geändert: Die Nutzerzahlen steigen seit Jahren, die Umsatzrendite lag zuletzt bei fast 40 Prozent. Auf knapp 41 Milliarden Dollar Umsatz kamen rund 16 Milliarden Dollar Gewinn. Der Datenskandal könnte ein Wendepunkt sein. Er verschärft die Debatten über eine strengere Regulierung des Netzwerks. Endlich! Denn der Einfluss von Konzernen wie Facebook und Google auf die öffentliche Meinung ist immens. Entsprechend sollte die Verantwortung für die Inhalte sein. Jahrelang haben die Konzerne bewiesen, dass ihnen Gewinne wichtiger waren. Also muss nun die Politik reagieren. Florian Rinke – Rheinische Post

Wenn Parteien Wahlen verloren haben, reden ihre Vorsitzenden davon, dass sie ihre Politik besser verkaufen müssten. Parteiprogramme und politische Inhalte sollen wie Waren vermarktet und an die Konsumenten gebracht werden – die Wähler. Nun ist Politik kein Produkt wie jedes andere, aber für die Werbeplattform Facebook schon. Ob Modekonzern oder Partei: Mark Zuckerbergs Geschäftsmodell, und nicht nur seines, besteht darin, so viele Daten der Facebook-Nutzer wie möglich zu sammeln und diese Daten an so viele Werbekunden wie möglich zu verkaufen. Das kann man »Soziales Netzwerk« nennen, muss man aber nicht. Wenn ein Konzern damit 2017 einen Nettogewinn von fast 16 Milliarden US-Dollar erwirtschaftet hat, dann klingt der Begriff euphemistisch.

Facebook hat heute 2,13 Milliarden aktive Nutzer, von denen 1,4 Milliarden täglich auf der Plattform unterwegs sind. Wer sich diese Anzahl Menschen einmal vor Augen führt, der bekommt eine Vorstellung davon, dass Mark Zuckerberg auf Kontaktversuche von Staats- und Regierungschefs westlicher Staaten nicht umgehend reagiert. Was sind schon 82 Millionen Einwohner in Deutschland gegen ein gutes Viertel der gesamten Weltbevölkerung als Nutzer? Nicht von ungefähr traf Kanzlerin Angela Merkel (CDU) den Facebook-Chef erst einmal – Ende September 2015 am Rande einer Veranstaltung bei den Vereinten Nationen (UN). Auch 500 Millionen EU-Bürger werden Zuckerberg wohl kaum dazu bewegen, sich im Europaparlament zu den Vorgängen um »Cambridge Analytica« befragen zu lassen. Aus Sicht von Internetexperten besteht dazu auch kein Grund. Denn streng genommen hat es keinen Missbrauch von Daten gegeben. Die Möglichkeiten, die Facebook bieten, sind bloß geschickt genutzt worden. Dass Zuckerberg sich dennoch das Büßergewand übergeworfen und öffentlich geäußert hat, ist der Empörung geschuldet.

In anderen Netzwerken wie Twitter werden Nutzer dazu aufgerufen, sich bei Facebook abzumelden. Das sind zwar nur die üblichen Reflexe im Internet, ernst nehmen muss sie der Konzern trotzdem. Und nicht nur Facebook alleine. Aus dem Skandal, der eigentlich keiner ist, könnte eine globale Debatte über die Privatsphäre der Nutzer von Google, Amazon und anderen Internetkonzernen werden. Und diese Debatte kann man sich als Verbraucher und Bürger nur wünschen – weil das weltweite Netz noch zu oft wie ein rechtsfreier Raum wirkt oder zumindest wie ein virtuelles Gebiet, in dem Recht und Gesetz nur mit sehr viel Aufwand durchzusetzen sind. Facebook muss endlich erwachsen werden und sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung stellen. Im Jahr 2022 wird Facebook 18. So lange sollte Zuckerberg nicht warten. Westfalen-Blatt

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