Lehren aus Fukushima ziehen, Atomkraft weltweit abschalten

Neue Sicherheitsmängel an belgischen AKW

Systeme zur gefilterten Druckentlastung wurden nach der Atom-Katastrophe in Tschernobyl 1986 in allen deutschen AKWs nachgerüstet. Auch in vielen anderen Ländern wurden sie spätestens nach der nuklearen Katastrophe in Fukushima 2011 eingebaut.

Anlässlich des fünften Jahrestags der Atomkatastrophe von Fukushima und vor dem Hintergrund der jüngsten Pannen im belgischen Atomkraftwerk Tihange und im französischen Atomkraftwerk Fessenheim hat der NABU eine engere Zusammenarbeit der Regierungen und mehr Druck von der Bundesregierung auf die Nachbarländer Belgien und Frankreich gefordert.

Ein schwerer atomarer Unfall im AKW Tihange würde alleine im Umkreis von 75 Kilometern mehrere Millionen Menschen betreffen.

NABU-Präsident Olaf Tschimpke: „Fukushima hat in aller Drastik verdeutlicht, dass Atomkraft keine Alternative ist und trotzdem umschifft auch heute noch der grenznahe Risikoreaktor Tihange in Belgien nur knapp den nächsten Super-GAU. Die Bundesregierung muss endlich ein Atomsicherheitsabkommen mit Belgien vereinbaren und sich für die schnelle Abschaltung von Tihange einsetzen.“ In Frankreich hat der Druck der Bundesregierung immerhin dazu geführt, dass Frankreich Ende des Jahres die Prozedur zur vorzeitigen Schließung des an der Grenze zu Deutschland gelegenen Atomkraftwerks Fessenheim einleiten will.

„Der Super-GAU kennt keine Grenzen, deshalb brauchen wir auch mindestens auf EU-Ebene eine Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten beim Thema Atomkraft. Der Euratom-Vertrag, den noch Adenauer unterschrieben hat, muss deshalb dringend überarbeitet werden – dafür muss sich die Bundesregierung endlich einsetzen“, so Tschimpke weiter.

Nach dem noch immer gültigen Euratom-Vertrag von 1957, darf jeder EU-Staat alleine über Bau und Betrieb von Atomkraftwerken entscheiden. Seit Tschernobyl (April 1986) und insbesondere nach Fukushima (März 2011) haben aber etliche EU-Staaten Ausstiegsbeschlüsse gefasst, sodass inzwischen die Chancen gut stehen, den Vertrag endlich zu überarbeiten.

Neben den akuten und aktuellen Gefahren, die von der Atomkraft ausgehen, bereiten auch die Hinterlassenschaften Sorgen. „Die Altlasten der Atomkonzerne drohen zu einem Fass ohne Boden zu werden und es zeigt sich einmal mehr, der Staat und die Allgemeinheit sind die Dummen: Gewinne wurden privatisiert und die Gefahren und Altlasten werden verstaatlicht. Denn bei der wirtschaftlichen Lage der Energiekonzerne kann kaum damit gerechnet werden, dass sie tatsächlich nach dem Verursacherprinzip auch die Kosten schultern“, so NABU-Energieexperte Sebastian Scholz. „Dabei ist die Krise hausgemacht, die Energiekonzerne haben es schlichtweg verschlafen, auf naturverträgliche erneuerbare Energien zu setzen.“

Nach der Atomkatastrophe in Tschernobyl wurde in Deutschland ein neues Bundesministerium mit der Zuständigkeit für die Atomenergie gegründet, das BMU (seit 2013 BMUB), das in diesem Frühjahr sein 30-jähriges Jubiläum feiert. Italien beschloss als erster EU-Mitgliedstaat den Ausstieg aus der Atomenergie. Fukushima bewirkte unter anderem, dass Deutschland und andere Staaten in und außerhalb der EU (etwa die Schweiz) Ausstiegsbeschlüsse fassten. Aus NABU-Sicht kann das Abschalten des AKW Tihange ebenfalls den Anstoß zu rechtzeitigen Maßnahmen zum Atomausstieg auf der EU-Ebene einleiten, ohne dass wieder erst ein schwerer Atomunfall passieren muss. Sebastian Scholz, NABU-Energieexperte

Bundesregierung: In Doel und Tihange fehlen Schutzfilter

Bei den umstrittenen belgischen Atomkraftwerken Doel und Tihange gibt es nach Auskunft der Bundesregierung weitere Sicherheitsmängel, die bislang noch nicht bekannt waren. „Nach Kenntnissen der Bundesregierung verfügen die belgischen Kernkraftwerke (AKW) Doel und Tihange derzeit noch über kein System zur gefilterten Druckentlastung“, heißt es in einer Antwort des Bundesumweltministeriums auf eine schriftliche Frage der Grünen-Bundestagsfraktion, die der in Düsseldorf erscheinenden „Rheinischen Post“ vorliegt. „Ein Grund mehr, dass die belgischen Pannenmeiler stillgelegt werden müssen.

Dass sie immer noch keine gefilterte Druckentlastung haben, ist fahrlässig“, sagte Grünen-Politikerin Sylvia Kotting-Uhl. Laut einem Aktionsplan von Ende 2012 sollten alle belgischen Reaktoren mit Filtern ausgestattet werden. Dies ist jedoch bisher nicht geschehen. „Wir sind mit den belgischen Aufsichtsbehörden über die Umsetzung der Sicherheitsverbesserungen, die nach Fukushima definiert wurden, im Gespräch“, heißt es in der Antwort des Umweltministeriums. „Insbesondere angesichts der steigenden Tendenz zu Laufzeitverlängerungen erwarten wir, dass diese Maßnahmen nun zügig vollständig umgesetzt werden“, schreibt das Ministerium.

Hintergrund: Systeme zur gefilterten Druckentlastung wurden nach der Atom-Katastrophe in Tschernobyl 1986 in allen deutschen AKWs nachgerüstet. Auch in vielen anderen Ländern wurden sie spätestens nach der nuklearen Katastrophe in Fukushima 2011 eingebaut. Im Falle einer Kernschmelze dienen diese Systeme dazu, kontrolliert und zu ausgewählten Zeitpunkten – etwa bei günstigen Windverhältnissen – Druck aus den Sicherheitsbehältern abzulassen, um zu verhindern, dass ungefilterte radioaktive Luft unkontrolliert austritt. Durch die Schutzfilter entweicht im Ernstfall nur geringfügig kontaminierte Luft. Im Falle eines Atomunfalls in Tihange würde dagegen stark radioaktive Luft ungefiltert und unkontrolliert austreten. Rheinische Post

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