Nackter Opportunismus – Iran bleibt schwierig

Verhüllte Statuen

Der Iran ist keine Demokratie. Er missachtet die Menschenrechte. Es gibt keine Glaubensfreiheit . Das Land hat eines der unfairsten und brutalsten Justizsysteme der Welt. Und seine Führung unterstützt Terrororganisationen, die unter anderem die Vernichtung Israels predigen. Trotzdem könnte man das Verhalten westlicher Politiker und Manager so deuten, als sei der Iran nach der Aufhebung der Sanktionen wegen des umstrittenen Atomprogramms über Nacht zu einem Musterstaat mutiert, zu einem privilegierten Partner. Wie blauäugig. Es spricht nichts dagegen, die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zum Iran wiederzubeleben. Aber wir dürfen dabei nicht die Augen davor verschließen, wie problematisch das Land bleibt. Die konservative Staatsführung um Religionsführer Ali Chamenei hat dem Atom-Deal nur notgedrungen zugestimmt. Ideologisch bleibt sie auf einem scharf anti-westlichen Kurs. An einer Öffnung und Liberalisierung des Landes haben diese Kreise kein Interesse. Aber sie haben das Sagen, und nicht die Moderaten wie der umschwärmte Präsident Hassan Rohani. Rheinische Post

Verhüllte Statuen

Für Griechen und Römer der Antike war Nacktheit ein Privileg der Götter, das Zeichen ihrer Unverletzlichkeit und Macht. Ein Renaissance-Maler wie der göttliche Michelangelo sah das ebenso; aber er hatte sein Deckengemälde der Sixtinischen Kapelle in Rom noch nicht ganz beendet, da schickte die päpstliche Kurie schon Daniele da Volterra los, den sie später nur noch den „Hosenmaler“ nennen sollten. Dessen Auftrag bestand darin, die nicht gerade wenigen als unzüchtig empfundenen Stellen in Michelangelos Deckenfresko zu übermalen.

Aber bloß, weil sich in Rom viel Sachverstand beim Verhüllen nackter Tatsachen angesammelt hat, muss man ihn nicht gleich demonstrieren, sobald sich ein Gast muslimischen Glaubens angekündigt hat. Die italienische Staatsregierung wollte ein Zeichen setzen, als sie den iranischen Staatspräsidenten Rohani auf dem Kapitol vor dem Anblick jahrhundertealter Skulpturen im Adamskostüm schützte – wir tun alles, um wieder mit dem Iran ins Geschäft zu kommen, hieß das.

Aber einem weltgereisten 67-Jährigen zu unterstellen, er ließe sich von einem solchen Anblick irritieren, hat schon fast etwas Beleidigendes. Schlimmer noch ist die Signalwirkung, die von den verbretterten Skulpturen ausgeht: Im Zweifel, heißt das, stehen wir lieber nicht zu unserer Kunst, unserer Geschichte. Das zeugt nicht nur von einem Mangel an Würde, es schwächt am Ende sogar noch die Opposition im Iran.  Jens Dirksen Westdeutsche Allgemeine Zeitung

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